Home



 

Protokoll des Prozesses gegen Marx Heen

 

Am 13., 14. und 15. Mai des Jahres 1683 ist bei der Herrschaft und mit großen Privilegien versehenen Landgerichtshoheit Oberkapfenberg ein männlicher Verbrecher namens  Marx Heen in der Angelegenheit Zauberei und Raub dem kaiserlichen Banngericht der Steiermark zum gewöhnlichen Verhör vorgeführt worden. Er hat im Beisein des Herrn Verwalters Franz Karl Sumper, den 4 Ratsbürgern aus dem Markt Kapfenberg:
Herr Wolf Fraidt, Herr Johann Lutschinger, Herr Sebastian Nievoll und Herr Matthias Thün
ohne und mit Anwendung der Folter folgendes ausgesagt:

 

Sein Name sei Marx Heen und er sei zwischen 26 und 28 Jahre alt, ledig und beim Kollbauern in Neuberg geboren. Sein Vater sei Jakob Heen und seine Mutter Gertraud. Beide sind schon verstorben. Er habe noch 3 Brüder  und eine Schwester. Ein Bruder arbeite in Mitterdorf. Die anderen 2 in Neuberg. Die Schwester lebe im Elternhaus in Neuberg.

Stift Neuberg
Stift Neuberg an der Mürz (Steiermark)

Er gesteht und sagt aus:
Vor ungefähr 11 Jahren, als er bei seinem Schwager Matthias Koller in Neuberg gewesen sei, sei der Böse Geist in Gestalt eines schwarzen Mannes, dessen Bekleidung ebenfalls schwarz gewesen sei und der einen kleinen schwarzen Kopf und kurze schwarze Hände gehabt habe, abends um die Zeit des Betleutens in den Ochsenstall zu seinem Bett gekommen und habe zu ihm gesagt, er könne nimmer selig werden, er gehöre schon ihm, weil seine Mutter Gertraud eine Pfäffin gewesen sei. Sie habe ihn (den Marx) mit einem Pfaffen gezeugt. Der Böse Geist habe ihn mit sich nehmen wollen. Deswegen sei er sehr erschrocken gewesen und habe angefangen zu beten. Darauf sei der Böse Geist verschwunden.
3 Wochen danach sei der Böse Geist abermals zu 3 verschiedenen Zeiten , an einem Dienstag, einem Donnerstag und einem Samstag in der Nacht dort im Ochsenstall in der oben beschriebenen Gestalt zu ihm gekommen. Er habe jedesmal gesagt, er dürfe nie mehr beten. Er gehöre schon ihm. Und er habe damals sonst nichts anderes von ihm verlangt und sei darauf verschwunden.

Vor ungefähr 3 Jahren an einem Frauentag, vor der Kirchgehzeit, als er (Marx) in Mürzzuschlag beim Bader getrunken habe, da sei mehrmals der Böse Geist zu ihm gekommen  in Gestalt eines schwarzen Mannes mit kurzen rauhen Händen, auch dunklen kurzen Füßen und er habe ihn  mit sich in eine Höhle, die “Ganzstein” genannt werde, geführt. Drinnen seien lauter Kerzenlichter herumgestanden. Und  es war dort ein großer Kessel mit Geld. In der Mitte seien 2 Geißböcke (auf beiden Seiten je einer) gestanden, die so hart aufeinander gestossen seien, dass alles laut gehallert habe. Es seien auch viele Leute drinnen gewesen. Er habe aber niemand gekannt. Ein anderer Böser Geist sei bei einem Tisch gesessen. Zu dem habe sein (Marxens) Böser Geist gesagt, er solle ihn schreiben lassen. Sodann habe er von ihm (Marx) verlangt, er soll seine Seele verschreiben lassen. Dafür wolle er ihm reichlich Geld geben. Darauf habe der Böse Geist ihn (Marx) bei der Nase gezwickt. Darauf seien gleich 3 Tropfen Blut herausgekommen. Damit habe der Böse Geist, der beim Tisch gesessen sei, seinen (Marx) Namen, auf einen großen Brief geschrieben. Danach habe er ihm (Marx) diesen vorgelegt und habe gesagt, es seien schon andere darauf verzeichnet, die auch ihre Seele hätten verschreiben lassen. Er soll sich auch verschreiben lassen. Sodann habe er (Marx) auf diesem Brief mit 3 Strichen unterschreiben müssen. In der Folge habe der Böse Geist ihm 6 Gulden gegeben. Aber wie er aus dem Loch im Felsen herausgekommen sei, da sei ihm auch das Geld in den Händen verschwunden.

Zu Pfingsten im vergangenen Jahr 1682 um 10 Uhr vormittag sei der Böse Geist in Dimsdorf oberhalb von Labang auf der Straße wieder zu ihm gekommen. Er habe gesagt, nachdem er schon ihm gehöre, wolle er ihm das Zaubern beibringen und habe verlangt, er solle die Hl. Dreifaltigkeit verleugnen. Darauf habe er sich vor dem Bösen Geist niedergekniet und dreimal die Hl. Dreifaltigkeit verleugnet und gesagt, er verlange die Hl. Dreifaltigkeit nicht mehr. Er wolle auch nicht mehr an Gott glauben. Er habe auch Unserer Lieben Frau und allen Heiligen abgeschworen und versprochen, er wolle nur ihn, den Bösen Geist anbeten. Darauf hätten sie einander die Hand gegeben.
Später habe er auf eine Ofenschüssel
(mit der das Brot in den Ofen geschoben wird), die der Böse Geist gebracht habe, sitzen müssen und sie seien in einer weißen Wolken durch die Luft auf einen hohen Berg geflogen, von dem er aber den Namen nicht wisse. Dort seien sie abgesessen. Oben hätten sie Wein und Brot gehabt. Dabei habe er gesehen und erkannt: die alte Frau Ruess (eine alte Bäurin), einen langen alten Weber, die Untermieterin des Simon Gruber, wie auch die alte Untermieterin des Urban Praschls, die alle in Niederösterreich, in der Prein wohnen, und deren Namen er nicht kenne . Es seien dort auch Untertanen der Herrschaft Gutenstein gewesen, die er aber nicht kenne. Er wisse nicht, wie der Hagel gemacht worden sei. Der Böse Geist habe ihm den Hagel in die Büchse geben, den er im Hinabfliegen aussähen habe müssen. Sie wären dann in Fressnitz im Feld wieder abgesessen.
8 Tage später sei der Böse Geist abermals in Oberhoff auf der Straße zu ihm gekommen und habe ihn wieder auf einer Ofenschüssel in der Luft auf den Schneeberg in Niederösterreich geführt, wo über 20 Bauern zusammengekommen seien. Er habe aber niemand gekannt, außer die 4 Personen, die er schon vorhin genannt habe. Und das sei jenes Wetter gewesen, wo der Hagel in der Naas in Niederösterreich gewesen sei.
Außerdem habe ihm der Böse Feind beigebracht, mit einem gewissen Spruch die Schlösser aufzusperren und auch, wie man es macht, dass ein Fuhrmann in einer Wasserlacke stecken bleibt.
Vergangenen Palmsonntag um 12 Uhr mittags sei der Böse Geist als schwarzer Mann zu ihm hier in das Gefängnis gekommen und habe gesagt, er wolle ihn losbinden, aber er soll ihm seinen Körper und seine Seele übertragen. Wenn er dann auskomme und heiraten sollte, dann soll er ihm seinen ersten Sohn versprechen. Darauf habe er vor ihm niederknien und 3 Finger hochstrecken müssen und 3 Eide schwören, dass dies alles so sein soll.

Neuberg an der Mürz
Gebäude in Neuberg an der Mürz

Dann habe der Böse Geist ihm befohlen, das Kettenglied umzudrehen. Nachdem er es getan habe, sei das Kettenglied sofort auseinander gegangen. Danach habe der Böse gesagt,  jetzt schau nur, wie du hinauskommst und sei danach verschwunden.
Am 27. April um die Zeit des Betleutens sei der Böse Geist in der früher beschriebenen Gestalt wieder zu ihm ins Gefängnis gekommen und habe gesagt: Er leide ihn nicht da. Er werde ihn befreien. Und er habe ihm ein Messer gebracht. Damit habe er das Schloss aufgemacht und sich befreit. Dann habe er mit dem Fuß eine Ofenkachel eintreten müssen. Dann hätte er durch den Ofen hinaus kriechen sollen. Er sei aber wegen des Gitters nicht durchgekommen.
Um Mitternacht habe ihm der Böse befohlen, er solle die Bettdecke zerreißen und daraus einen Strang und eine Schlinge machen. Er wolle ihn aufhängen. Das habe er - Marx - auch gemacht. Dann sei er mit einem Stuhl, den er im Gefängnis gehabt habe, zum Fenstergitter gestiegen und habe den Strang angebunden. Dann habe ihm der Böse Geist die Schlinge angelegt und ihn vom Stuhl gestoßen und auch beim Hals zusammengedrückt. Danach sei der aus der Wolldecke gemachte Strang beim Gitter abgerissen. Er sei auf den Boden gefallen und dort eine halbe Stunde bewußtlos gelegen. Der Böse Geist habe ihn eine Weile auf dem Boden herumgezogen. In der Früh um die Zeit des Betleutens sei der Böse Geist verschwunden. Er aber habe sich, als er  wieder zu sich selbst gekommen sei, in das Bett gelegt und habe angefangen zu beten.
Am Tag darauf  habe ihm der Herr Verwalter etwas Geweihtes in einem weißen Brot eingegeben. Bald darauf sei der Böse Geist wieder zu ihm gekommen und habe gesagt: Wenn du einen Saudreck anstatt des weißen Brotes gegessen hättest, wäre es besser für dich gewesen. Dann sei er wieder verschwunden.
Im unteren Gefängnis bei dem Tor sei vergangenen Mittwoch vor  8 Tag der Böse Geist um die Mittagszeit mit einem breiten blutroten Maul zu ihm gekommen und habe gesagt, er lasse ihn nicht da. Er wolle ihn schon befreien. Darauf sei er wieder verschwunden.

 

 

 

 

Zum Anklagepunkt Diebstahl und Raub

 

Er gesteht und sagt aus:

1. In Niederösterreich beim Jakob Stoyer in der Prein, wo er 3 Tage gearbeitet habe, habe er einem Burschen aus einer Truhe, an der ein Anhäng-Schloß hing und das er mit einem Haken aufgemacht habe, 7 Kreuzer herausgenommen.

2. Am Hochegg in der Prein beim Adam Pingg, Untertan der Herrschaft Neuberg, habe er einige Wochen gedient. Der genannte Bauer habe ihm eine grüne Hose und 2 Gulden als seinen Lohn gegeben. Der Bauer sei ihm 1 Gulden schuldig geblieben. Darauf sei er ihm heimlich durchgegangen.

Prein
Mariensäule am Preiner Gscheid

3. Darauf sei ihm in den Sinn gekommen, auf den Semmering zu gehen, um dort einen, von dem er annahm, dass er Geld oder Sachen habe, tot zu schlagen und ihm seine Sachen wegzunehmen. Dann habe er gleich darauf den Philipp Singer, einen Untertan der Herrschaft Oberkapfenberg, getroffen. Der habe 3 Stück gebleichtes, 1 Stück ungebleichtes Leintuch, 2 Tücher aus Flachs und 2 grobe Leintücher mit sich gehabt und nach Niederösterreich getragen, um es dort zu verkaufen. Dem sei er bis zum Mörthgraben nachgegangen. Dort habe er dem Singer mit einem  von der Brandrodung übriggebliebenen Stock  von hinten so auf den Kopf geschlagen, dass er gleich mit dem ersten Streich zu Boden gegangen sei. Danach habe er dem auf dem Boden liegenden Singer noch 8 Schläge versetzt. Dann habe der Singer ihn um 1000 Gottes Willen gebeten, er soll ihn nicht erschlagen. Und er hat gesagt: Mein Bruder nimm meine Sachen, aber lass mir nur das Leben. Trotzdem habe er ihm wieder ein paar Schläge versetzt und ihn tot schlagen wollen. Als er den Eindruck hatte, dass er tot sei, habe er ihn vom Weg hinunter auf die Seite gezogen und die Leinwand-Tücher an sich genommen und verkauft.  4 Ellen und 6 Spannen habe er der Frau des Hans Pollross in Niederösterreich für 8 Kreuzer verkauft. Das Geld habe er mit dem Pulvermacher in der Prein vertrunken.


9 Ellen grobe Leinwand habe er einem Bauern oberhalb vom Sagbauern in der Prein um 12 Kreuzer,  4 Ellen Aporsten dem Schmidhofer in Kilb um 2 Gulden und Dörrobst verkauft. Dem Mörth Perger habe er 38 Ellen 4 Spannen ungebleichte Leinwand gegeben, wofür er ihm 30 Kreuzer gegeben habe und einen Lodenrock, der auch bei der gestohlenen Leinwand gewesen sei.
Auch die oben erwähnte Leinwand habe er einem Mayer und dem Gesinde vom Mayer bei St. Christoph in Niederösterreich und sonst  noch verschiedennen Bauern  dort herum verkauft, für Geld und Obst.  Der Sack, in dem die Leinwand gewesen ist, sei noch bei bei dem oben genannten Terzer. Alles zusammen mache das  Bargeld von diesem Straßenraub 7 Gulden und 20 Kreuzer aus.

4. Dem Bärtl Bauer habe er 2 Jochriemen getohlen, und diese dem Lurg-Bauern um 2 Gulden und eine Schnitte Brot verkauft.

5. Vergangenen Sommer habe er auf dem Semmering beim Kreuz einem Bauern auch mit einem Stock einen Schlag versetzt. Weil er aber um Gottes Willen gebeten habe, habe er ihm 6 Gulden Geld genommen und gehen lassen.

6. Seiner Schwester habe er aus der Truhe, die er mit einem Haken geöffnet habe, 12 Kreuzer weggenommen.

7. Dem Pudl und dem Stainbauer in Neuberg habe er je eine Scheiterhacken gestohlen und beide dem Lugbauern in der Prein in Niederösterreich für 12 Kreuzer  und ein Stück Brot gegeben. Dieser Lugbauer habe ihm den Auftrag gegeben, er soll ihm kleine Haken und Radschienen bringen.


Semmering
Alte Ansicht vom Semmering mit Mörthgraben

8. Weiters habe er auf dem Semmering, in Mörthgraben einen alten Mann am Hals an eine Steinwand gedrückt und ihm 2 Gulden weggenommen.

9. In Neunkirchen habe er mit einem Dietrich, den er in Schottwien von einem Schlosser um 5 Kreuzer gekauft habe, eine Truhe geöffnet und daraus 4 Gulden entwendet.

10. Schließlich sagt er aus und gesteht, dass er auf dem Semmering zwei Komplizen in seinem Alter gehabt habe, die auch bei Bauern aufgewachsenen seien. Der eine habe Veit und der andere habe Mörth geheißen. Mit ihnen habe er aber nur einmal gemeinsame Sache gemacht. Später habe er noch 5 andere Komplizen getroffen. Ihre Namen wiss er nicht. Er wisse auch nicht, wo sie zuhause seien, denn sie hätten es ihm nicht gesagt. Mit diesen habe er bei verschiedenen Gelegenheiten nach und nach an die 10 Personen ausgeplündert und ihnen insgesamt 10 Gulden weggenommen.

 

Es folgen der Herrn Beisitzer Namen: Wolf Fraidt, Georg Kalchegger, Georg Wizinger, Sebastian Nievoll, Johann Lutschinger, Valentin Adenberg, Martin Kotzöger, Andreas Wagner, Matthias Hobisch, Matthias Schümi

 

Haupturteil

Aufgrund der oben beschriebenen begangenen und gestandenen Aussagen der Hexerei als auch wegen der Diebstähle dieses armen Sünders Marx Heen haben meine Herrn Beisitzer einstimmig beschlossen und zu Recht erkannt, dass er dem Scharfrichter in dessen Hand und Band übergeben werde. Er soll ihn übernehmen und gut verwahrt  zur allgemeinen Hinrichtungsstätte hinaus führen und dort auf einem besonderen auf dem Scheiterhaufen errichteten Galgen mit einem Strick hinrichten und den Körper zu Staub und Asche verbrennen.

Gott sei der armen Seele gnädig.
Exekutiert worden im Landgericht Oberkapfenberg am 17. Mai 1683

Dr. Johann Jakob Guisinger
Kaiserlicher Bannrichter


Neuberger Münster
Ornamente im Neuberger Münster


 

Anmerkungen:
Dieses Protokoll aus dem 17. Jahrhundert wurde von Siegfried Kramer möglichst wortgetreu mit Unterstützung von Bernhard Reismann (dem ich für die Korrektur herzlich danke) in unsere heutige Sprache übertragen.
Das Original dieses Prozessprotokoll befindet sich im Steiermärkischen Landesarchiv.
Graz 2012



Home
Alle Prozesse im Überblick