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Der Prozess gegen Sebastian Kügl

 

"Dem steirischen Banngericht bei der löblichen Herrschaft und Landesgerichtshoheit Kapfenberg ist eine verbrecherische Person mit Namen Sebastian Kügl zum Verhör vorgestellt worden.

Dieser hat im Beisein Ihrer gestrengen Herren Andreas Lutschinger (Verwalter), des Herren Michael Monzello (Marktrichter), des Herren Thomas Lutschinger und des Herren Koloman Kronstoffer, beide Ratsbürger von Kapfenberg, mit und ohne Anwendung der Folter folgendes gestanden:

1. Er bekennt, er heiße mit seinem Tauf-und Zunamen Sebastian Kügl, sei 19 Jahre alt und stamme aus der Veitsch. Sein Vater habe Bäunster geheißen und sei ein Schneider gewesen. Die Mutter heiße Kunigunde. Der Vater sei in Gloggnitz gestorben. Die Mutter aber lebe noch. Als er vor 2 Wochen in Spital am Semmering zusammen mit seinem Weggefährten Marx Rueprecht in der Pfarrkirche zur Zeit des Gebetläutens die Opferstöcke ausräumen wollte, aber nichts herausbekommen habe, seien sie beide ertappt und inhaftiert worden. Er habe nach seiner Mutter geschickt, dass sie zu ihm kommen soll. Sie habe schon vorher davon Kenntnis bekommen und habe den zugeschickten Gast nicht mehr erwartet, sondern weil sie sich mit diesem ihren leiblichen Sohn (wie später bei Punkt 18 und 19 beschrieben sein wird) zweimal versündigt habe, habe sie sich auf und davon und aus dem Staub gemacht und sei über den Semmering hinaus nach Niederösterreich. ...
Er sagt, er habe zwar noch einen Bruder mit Namen Andreas Kügl. Er halte sich in der Veitsch auf und sei bei einem Bauern namens Thomas in Dienst.

Pfarrkirche Mürzzuschlag - alter Opferstock  
Pfarrkirche Mürzzuschlag - alter Opferstock
 

2. Er gesteht, vor ungefähr 5 Wochen dieses Jahres (1657) habe er sich in der Veitsch in der Pfarrkirche in der Nacht einsperren lassen und dann mit einem kleinem Holzschäuferl, auf dem Pech gewesen sei, aus dem Opferstock 30 Kreuzer gefischt. Dieses Herausfischen hätten ihm die Bettler gelernt. Das Geld habe er alles verbraucht.

3. 2 Tage danach sei er in der Nacht nach Mürzzuschlag gekommen. Da habe er in der Nacht aus dem Opferstock beim Spital mit dem Schäufferl an die 13 Groschen heraus gestohlen. Dieses Geld habe er vertrunken.

4. Einen Tag später sei er nach Mürzzuschlag gekommen. Dort habe er sich zur Zeit des zu Bett Gehens in der Kirche einsperren lassen und habe in der Nacht aus dem Opferstock mit einem Holzspan und Pech 4 Gulden gestohlen. Davon habe er 3 Gulden seiner Mutter geschenkt und für einen halben Gulden habe er sich ein Paar Schuhe gekauft. Den anderen halben Gulden habe er veressen und vertrunken.

5. Danach sei er nach Niederösterreich, nach Pitten gekommen. Dort stehe die Pfarrkirche bei einem Felsen. Da habe er sich am Abend in der Kirche einsperren lassen und habe in der Nacht mit dem Hölzerl und dem Pech aus dem Stock einen Gulden und 2 Kreuzer gestohlen. Er sei morgens zu Ave-Maria-Zeiten wieder herausgegangen. Das Geld habe er verbraucht.

6. In der Folge sei er nach Neunkirchen gekommen. Da habe er einen Bettler mit dem Namen Peter im Spital angetroffen. Sie wären miteinander in die Pfarrkirche gegangen und hätten aus dem Opferstock um die Mittagszeit eine Gulden und einen Kreuzer mit dem Schäuferl und Pech gestohlen. Er habe aufpassen und Wache stehen müssen. Sein Kamerad hätte es heraus genommen und ihm davon 30 Kreuzer 2 Pfennig gegeben, die er fürs Essen mit sich genommen habe.

7. Danach seien sie nach Leobersdorf gegangen. Dort hätte er sich mit seinem Kameraden in der Zeit des Betläutens in der Kirche einsperren lassen. Sein Kamerad habe aus dem Opferstock 1 Gulden und 2 Kreuzer gefischt. Davon habe er ihm 30 Kreuzer gegeben. Sein Kamerad habe es ihm aber in der Nacht wieder gestohlen.

8. Er bekennt, in Baden in der Pfarrkirche um die Mittagszeit aus dem Opferstock 30 Kreuzer mit einem Holzspan herausgefischt zu haben. Er habe das Geld dort verbraucht.

  Pfarrkirche Spital am Semmering
 
Gewölbe in der Pfarrkirche von Spital am Semmering

9. In Zinsendorf in der Pfarrkirche hätte er vor 3 Wochen aus dem Opferstock in der Nacht mit dem Schauferl einen Gulden herausgefischt.

10. Er gesteht, nachdem er sich in der erwähnten Kirche in Zinsendorf am Abend mit einem kleinen Bettelbuben mit dem Namen Bastl einsperren habe lassen, wären sie zum vorderen Altar gegangen. Dort habe er das Sakramenthäusl aufgemacht und daraus an die 33 kleine heilige Hostien genommen. Die Hälfte davon habe er seinem Kameraden gegeben. Der habe es in seine Jacke geschoben. Sie hätten diese zu Teilen den Juden verkauft. Er habe für seinen Anteil einen Gulden bekommen.

11. Danach wäre er nach Laab gegangen. Dort hätte er sich auch am Abend in der Kirche einsperren lassen und aus dem Opferstock mit einem Holzspan 30 Kreuzer herausgefischt und das Geld verbraucht.

12. In Hinterberg, 2 Meilen von Wien entfernt, habe er sich auch am Abend in der Kirche einsperren lassen und aus dem Opferstock mit dem Hölzl und Pech 1 Gulden 30 Kreuzer gefischt und das Geld verbraucht.

13. 2 Meilen von Hinterberg entfernt, in Geimppa, da habe er sich auch zur Zeit des Betläutens in der Kirche einsperren lassen und aus dem Opferstock gefischt und dabei 32 Kreuzer herausbekommen. Das Geld habe er verbraucht.

14. In Ratten, auf der Alm gelegen, habe er aus der Kirche in der Nacht bei 33 Kreuzer mit einem Holzspan herausgefischt. Davon habe er sich ein Paar Schuhe gekauft, die er noch trage.

15. Auf dem Weizer Berg habe er vor 6 Wochen aus dem Opferstock auf dem Friedhof 5 Kreuzer herausgefischt. Das Geld habe er verbraucht.

16. Er bekennt: 2 Meilen von Weiz, über dem Berg gelegen, habe er sich in einer Kirche unter einem Stuhl versteckt und sich einsperren lassen. Er sei danach zum Opferstock gegangen und habe mit dem Schäuferl bei 30 Kreuzer und 3 Schilling herausgefischt. Danach sei er zum Hochaltar gegangen. Dort habe er das Sakramentshäuschen mit seinem Schlüssel geöffnet. Er habe 20 Hostien mitsamt dem Kelch heraus genommen. Die Hostien habe er den Juden um einen Taler und den Kelch ebenfalls den Juden um gar 5 Kronen verkauft. Er gibt an, sein Kamerad der Peter sei auch dabei gewesen.

17. In der Veitsch habe er sich vor einem Jahr zusammen mit seinem Kameraden Peter in der Kirche um die Zeit des Abendgebet-Läutens einsperren lassen und aus dem Opferstock mit einem Holzspan 4 Kronen herausgefischt. Davon habe er 2 Gulden behalten und einen Gulden davon seiner Mutter gegeben. Die anderen 2 Gulden habe er aber seinem Kameraden Peter gegeben. Seien Geldanteil habe er aber verbraucht.

18. Er bekennt, dass es wirklich wahr sei, dass ihn heuer in der Fastenzeit seine Mutter Kunigunde in Mürzzuschlag bei einem Bauern, dessen Namen er nicht mehr nennen kann, in den Stall hinauf geführt habe und von ihm verlangt habe, mit ihm Unzucht zu begehen. Sie habe ihn gleichsam dazu genötigt und habe damals einmal mit ihm fleischliche Unzucht getrieben.

 Pfarrkirche Spital am Semmering  
Pfarrkirche Spital am Semmering
 

19. Er bekennt abermals, dass es wirklich wahr sei, dass er kurz darauf auch in besagter Fastenzeit beim Enten-Wagner in Neuberg in einem Stall in der Nacht auch einmal mit seiner Mutter fleischliche Unzucht getrieben habe.

20. Er bekennt weiters, dieses Jahr in Gloggnitz, auf dem Zwiebel-Kirchtag, habe er untertags in der kleinen Kirche am Markt aus dem Stock mit einem Scheitel 2 Gulden herausgefischt und diese verbraucht.

 

 

Am 26. Oktober 1657 in der Folterkammer

im Beisein der strengen Herrn Andreas Lutschinger (Verwalter), Herrn Michael Monzello (Marktrichter), Herrn Thomas Lutschinger und Herrn Koloman Kronstoffer, beides hiesige Ratsbürger.

1. Er bekennt nach nachdrücklichem Zureden, dass er vor 2 Jahren in Heiligenkreuz eingesperrt gewesen sei, weil er und sein Kamerad Jörl bei einem Dorf, dessen Name er nicht mehr wisse, bei einem Kreuz, zum Ölberg genannt, aus einem Kelch das Geld (er wisse nicht mehr, wie viel es gewesen sei) herausgenommen habe und sie seien dabei erwischt worden und das Geld ist ihnen im Kloster wieder weggenommen worden. Sie seien aufgrund dessen gefoltert und durch den Scharfrichter in Wien beim Heiligen Kreuz ausgestochen worden.

22. Er bekennt, zweimal den Juden Hostien, 2 Meilen von Hinterberg entfernt, verkauft zu haben. Die Kirche, er glaube, sie heiße bei St. Marx, da habe er 10 Hostien genommen und diese den Juden um einen Gulden und ein Viertel Wein verkauft. Das andere Mal sei es bei Weiz geschehen.

23. Vor 2 Jahren hätten er und sein Kamerad, der Jöel, in St. Veit in Oberösterreich aus der Kirche um die Mittagszeit mit einem eigenen Schlüssel das Sakrament-Häusl geöffnet und den Kelch herausgenommen. Den Kelch habe er in Wien in der Judenstadt um 6 Kronen und 24 Hostien um 1 Gulden 5 Groschen verkauft.

24. Vor 4 Jahren habe er sich im Land Salzburg in einer Kirche, er wisse nicht mehr wie sie geheißen habe, in der Nacht einsperren lassen und dort mit seinem Schlüssel das Sakrament-Häusl aufgesperrt und die große Hostien heraus genommen. Er habe sie im Stroh verloren.

25. Wiederum im vergangenen Jahr, da habe er sich im Salzburger Land in einer Kirche einsperren lassen und aus dem Opferstock mit Holz-Spänen, die mit Leim bestrichen waren, einen Gulden 40 herausgefischt.

26. Wieder in einer kleinen Kirche, da habe er aus dem Opferstock 30 Kreuzer herausgefischt. Da hätten sie ihn wie er das Sakrament-Häusl öffnen wollte, ausgejagt. Er habe also das Sakrament-Häusl offen stehen lassen.

27. In Niederösterreich, in Puchberg, habe er aus dem Opferstock mit einem Holzspan und Leim 30 Kreuzer und 6 Schilling gestohlen. Das Sakrament-Häusl habe er geöffnet und aus der Monstranz habe er die große Oblate herausgenommen und einem Bauern nahe der Donau um 30 Kreuzer und ein Nachtmahl verkauft.

28. In Neuberg auf dem Friedhof habe er aus dem Opferstock 4 Kreuzer herausgefischt.

  Alte Ansicht der Pfarrkirche Spital am Semmering
  Alte Ansicht der Pfarrkirche Spital am Semmering

29. In der Kapelle dort habe er auch aus dem Opferstock 5 Kreuzer und einen Schilling herausbekommen.

30. Zu Turnau im Aflenztal habe er aus dem Opferstock 5 Groschen und 3 Schilling gefischt.

30. In Thörl habe er aus dem Opferstock 3 Kreuzer und einen Schilling herausgefischt.

32. Vor einem Jahr habe er in Mürzzuschlag aus dem Opferstock, der vor dem Spital steht, in der Nacht mit einem Holzstück und Pech 13 Groschen herausgefischt.

33. Ebenso in der gleichen Jahreszeit habe er in Mürzzuschlag in der Kirche, in der er sich einsperren habe lassen, mit einem Holzspan und Pech aus dem Opferstock 5 Gulden herausgefischt und von diesem Geld seiner Mutter auch etwas gegeben. Er habe ihr aber nicht gesagt, woher er es bekommen habe.

34. Heuer zu Mariageburt habe er unterhalb von Spital nachmittags aus dem Opferstock beim "Unsere-Liebe-Frau-Brunnen" 30 Kreuzer herausgezogen.

35. In diesem Sommer, bald nach Pfingsten, habe er mit seinem Kameraden Peter in der Ober-Veitsch aus dem Opferstock, in der Kirche, in die er sich mit seinem Kameraden habe einsperren lassen, wiederum 2 Kronen herausgefischt.

36. Er bekennt, dass er die Absicht gehabt habe, den Opferstock in der Kirche in Spital auszurauben und sich mit seinem Kameraden abgesprochen habe und zu ihm gesagt habe, er wisse alle Schliche in der Kirche, wo der Opferstock stehe, wo man läutet und so sei ihr Plan gewesen, dass sie dann den Opferstock ausräumen. Zum Schluss habe er sich in der Kirche versteckt und darauf sei er ertappt und inhaftiert worden. In der Folge von allem sei er in das löbliche Landgericht von Kapfenberg überstellt und bis heute in Verhaftung gehalten worden."

Urteil:

"Auf die hier und jetzt verlesenen Aussagen und Geständnisse mit und ohne Folter haben die hier anwesenden Herren Assessoren und Rechtsprechenden einhellig Urteil und Recht gesprochen und erkannt, dass diese verbrecherische Person mit Namen Sebastian Kügl wegen seiner großen begangenen Sünden und Verbrechen das Leben verwirkt und den Tod verschuldet hat. Er soll deswegen am heutigen Tag auf dem öffentlichen kaiserlichen Gerichtsplatz zum abschreckenden Beispiel dem Scharfrichter in seine Hände und Fesseln wohl verwahrt zur gewöhnlichen Hinrichtungsstätte gebracht werden, auf dem Scheiterhaufen vorher mit Seilen erdrosselt werden und dann der tote Körper zu Staub und Asche verbrannt werden.

Dies ist entsprechend exekutiert und vollzogen worden am 8. November 1657."


Anmerkung: Dieses Protokoll wurde von Siegfried Kramer mit Unterstützung von Bernhard Reismann (dem ich für die Korrektur herzlich danke) in unsere heutige Sprache übertragen.Ich danke auch den außerordentlich freundlichen und hilfsbereiten Mitarbeitern des Steiermärkischen Landesarchivs. Graz, 2011

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