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Protokoll des Prozesses gegen Martha Mosegger

 

"Am heutigen Tag, den 16.Juli 1647, ist dem Kaiserlichen Steirischen Banngericht bei der Herrschaft und Landgerichtshoheit Ober-Voitsberg
...
einer Missetäterin mit dem Namen

Martha, die Witwe des Thomas Mosegger,

zum Verhör vorgeführt worden.
Sie hat ... mit und ohne Folterung folgendes ausgesagt und gestanden:


Sie bekennt, sie heiße mit dem Taufnamen Martha, sei 104 Jahre alt, stamme aus Geistthal, wo sie sich in der Keuschen des Kaspar Uhrl aufgehalten habe.

Sie bekennt: Von Jugend auf habe sie bei verschiedenen Untertanen gedient und sei dann auf Schloss Waldstein in das Frauenzimmer gekommen und 3 Jahre dort geblieben. Danach von der Gnädigen Frau auf die Alm zu 120 Kühen abgestellt worden. Bei diesem Dienst sei sie 7 Jahre lang geblieben.

Beschreibung: N:\Fotos\Hexenprozess-Fotos\Geistthal\Geistthal 640\IMG_2592.JPG

Geistthal: Blick aus dem Kirchturm

Sie bekennt: In der Folge sei sie mit ihrem Mann, Tomas Mosegger, der aus Pöllau stamme und ein Köhler gewesen sei, verheiratet worden und sie hätten 40 Jahre miteinander gelebt. Er sei in der Kohlen-Erzeugung tätig gewesen und schon gestorben.

Sie bekennt, in ihrer Ehe habe sie 7 Kinder zu Welt gebracht, von denen 3 am Leben sind. Einer namens Veit, ein Glaser, einer heiße Mörth und sei ein Holzknecht in Bruck, und Magdalena. Vier seien gestorben.

Sie bekennt, nach dem Tod ihres Mannes sei sie 40 Jahre eine Witwe gewesen. Eine Zeitlang habe sie sich zunächst im Gebiet von Bruck an der Mur aufgehalten und vom Spinnen gelebt. In der Folge sei sie wieder nach Geistthal gezogen. Und gemeinsam mit sechs Personen habe sie in dieser Keuschen ihren Lebensunterhalt gesucht.

Sie bekennt, sie habe in Bruck und all den Orten oben und auch in Geistthal nie gezaubert oder wahrgesagt, sondern nur bei Krankheiten von Mensch und Tier Ratschläge gegeben und mit Wurzeln und Kräutern geholfen. Das Wissen um die Wirkung der Kräuter und Arzneien beziehe sie aus einem Kristall-Stein und die Erfahrung, welche Wurzeln und Kräuter  bei den jeweiligen Gebrechen von Menschen und Tieren anzuwenden sind.

Sie bekennt, diesen Kristall habe Frau von Waldstein von einem kleinen Mandl mit einem langen Bart gekauft und ihn dem Fräulein Tochter zum Lernen gegeben. Weil diese aber keine Lust hatte, damit etwas zu machen, habe schließlich die Frau von Waldstein ihr den Stein mit auf die Alm gegeben, damit sie die Kräuter und Wurzeln kenne und dem Vieh helfen könne.

Sie bekennt, in diesem Stein sehe man einen Stern, der zeige die Wurzeln und Kräuter gegen die Gebrechen des Viehs an.

Ebenso sehe man einen Blutstropfen, der weise auf die Gebrechen der Menschen hin und zeige die Kräuter gegen die Krankheiten der Menschen. Wenn Leute um Rat zu ihr kämen, habe sie ihr Gebet darüber verrichtet, die Kräuter und Wurzeln hieraus erkannt und diese Kräuter in den Bergen gepflückt  und ausgegraben. Und damit geholfen. 

Sie sei von sich aus zu niemand hingegangen, sondern man sei zu ihr gekommen, damit sie ihnen mit Rat und Tat helfe.  Dafür habe sie zu essen und manchmal ein oder zwei Groschen als Geschenk bekommen. 

Sie gesteht: Wenn sie das Gebet sprechen wollte, habe sie zuerst den Kristall vor ihr auf die Erde neben den Wurzeln, die sie zuvor ausgegraben habe, gelegt. Zum Kristall habe sie einen neun Mal geweihten Rosenkranz ("Petten") dazugelegt, damit er umso stärker wirke. Und wenn diese Stücke alle beieinander waren, habe sie folgendes Gebet dazu gesprochen:

"O du heilige Wurzel, ich grabe dich im Namen Jesu Christi. Du sitzt in dem süßen Namen Jesu Christi. Du bist in meinem Namen. Und in meinem Schoß, du heilige Wurzel, die da sitzt in dem süßen Namen Jesu Christi. Du kannst helfen Vieh und Menschen. Auf dass niemand Schaden geschehe. So ist der gütige Herr auf diese Worte hin in meinem Schoß gesessen, damit mir niemand Böses antun kann."

Beschreibung: N:\Fotos\Hexenprozess-Fotos\Geistthal\Geistthal 640\IMG_2611.JPG

„Frauenbrunnen“ in Geistthal von Alfred Schlosser zur Erinnerung an die Hinrichtung von Martha Mosegger - Detail

Sie gesteht: Nachdem sie dieses Gebet gesprochen habe, sei sie aufgestanden und nach Hause gegangen. Wenn sie zuhause angekommen sei, habe sie das Gebet wieder anwenden müssen und dafür habe sie auch wieder Wurzel und Kristall gemeinsam zusammen verwenden müssen. 

Sie bekennt: Das Gebet habe sie die Frau von Waldstein gelehrt, als sie ihr die Kristalle gegeben habe und damit auf die Alm geschickt habe.

Sie bekennt: Diese ausgegrabene Wurzel habe sie zu Pulver gemacht, in ein Sackerl gegeben und am heiligen Palmsonntag in die Palmbuschen gegeben, und bei der Palmweihe weihen lassen

Sie bekennt in der Folge: Am Karfreitag habe sie dieses Pulver wiederum genommen und in ein Körberl zum Brot gelegt und vor dem Heiligen Grab beim niedergelegten Kruzifix weihen lassen. 

Sie bekennt: Wenn sie den Leuten das Pulver gegen Krankheiten von Mensch und Vieh mitgegeben oder eingegeben habe, dann habe sie das vorige Gebet auch dazu verwendet und den Leuten aufgetragen, das Pulver im süßen Namen Jesu Christi einzunehmen oder einzugeben. 

Sie bekennt: Die Heilig-Kreuz-Wurzel sei bitter und man müsse sie mit Wasser einnehmen. Sie sei gut gegen Seitenstechen und ähnliche Schmerzen. Diese Wurzel findet man nur auf der Hochalm und im Gebirge. 

Sie gesteht: Einem Herrn aus Graz, dessen Tauf- und Zunamen sie nicht kenne, habe sie ein Kraut gegen seine Krankheit geschickt und geboten, er soll es verwenden, sonst werde er von der Krankheit nicht mehr aufkommen sondern daran sterben. Der habe einen Taler geschickt. Den habe sie noch zuhause und sie habe davon noch keinen Nutzen gehabt.

Sie gesteht: Sie habe der Frau Hauptmann Rüdin auch eine Arznei gegeben für ihren Herrn und den Sohn, die so krank waren, dass sie sie zwei Mal habe holen lassen. Dafür habe sie eine Stärtin
(566 Liter) Wein bekommen. Sie bekennt, es sei einer einmal zu ihr gekommen, dessen Namen sie nicht kenne. Der habe zu ihr gesagt, sie soll einen Schatz heben. Darauf aber habe sie gemeint, sie könne das nicht. Sie habe aber den Rat gegeben, man soll eine geweihte Kerze und Holz vom Traubenkirschenbaum nehmen und zusammenlegen. Einen anderen Rat könne sie nicht geben. 

Beschreibung: N:\Fotos\Hexenprozess-Fotos\Geistthal\Geistthal 640\IMG_2626.JPG

„Frauenbrunnen“ in  Geistthal - Detail

Sie bekennt: Sie habe einer dicken Frau aus Graz, deren Namen sie nicht wisse, ein Pulver fürs Erbrechen gegeben.

Sie bekennt: Gegen Wahn und Fraisen (Krämpfe) habe sie von diesem weißen Pulver, das aus einemweißen Kräutl, das im Garten wächst, gemacht wird, den Kindern und anderen Leuten mitgegeben.  Weiter bekennt sie: Einem alten Herrn aus Graz, dessen Namen sie nicht wisse, der seinen Diener (sie wisse nicht wie er heiße) mit einem Pferd zu ihr geschickt hat und lang krank gelegen hat, dem hab sie auch ein weißes Pulver geschickt. Davon sei er gesund worden. Dafür habe er ihr 10 Kreuzer  gegeben.

Sie bekennt, wenn einmal einer sein Vieh verloren habe und zu ihr um Rat gekommen sei, damit man dieses wieder bekommen möchte, habe sie ein Sackerl ober der Haustür hineingesteckt und folgendes Gebet gesprochen:

"Ich steck die Sackerln in die Tür. Wie die Holzhacken und der Rauch aneinander keinen Schaden tun können, so wenig kann ein Dieb meinem Vieh einen Schaden antun."

Sie bekennt: Dabei sei auch zu merken, solang die Sackerln stecken blieben, könne auch sein eigner Herr das Vieh nicht umbringen. Es müssen vorher die Sackerln herunter genommen werden. Das habe sie auch mit 20 verlorenen Ochsen so gemacht. 

Sie bekennt: Der schwarze Stein, den man bei ihr gefunden habe, den habe sie von einer unverheirateten Frau aus Graz, deren Tauf- und Zunamen sie nicht wisse und die sie auch nicht kenne, vor einem Jahr bekommen. Den habe sie für ihren Jesus Christus gehalten.

Sie gesteht: Einen Wasser-Segen, den könne sie auch. Mit dem habe sie ein herannahendes Gewitter vertrieben. Der laute folgendermaßen:

"Du heilige Wolke, das seien meine Wolken, die 8, die 7, die 6, die 5, die 4, die 3, die 2, die eine Wolke und danach keine Wolke. Die heiligen Wolken gehen über Berg und Tal, Rain und Stein. Sie sollen keinen Schaden anrichten, sie sollen ihre Wassertropfen auf die rechte Frucht fallen lassen und nichts abknicken, dass sie keinen Schaden anrichten. Im Namen Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen!"

Sie sagt, sie habe das Wetter nirgends hingeschickt. Weder in die Berge, die Wildnis, oder zu einem See, noch in die Wälder oder an andere Orte. Sie könne das Wetter nicht weiter treiben als über drei Pfarren. Damit sie keinen Schaden anrichte, habe sie drei Pfarren gesichert, Übelbach und Geistthal. Dazu habe sie nur das oben stehende Gebet verwendet. 

 

Beschreibung: N:\Fotos\Hexenprozess-Fotos\Geistthal\Geistthal 640\IMG_2633.JPG

„Frauenbrunnen“ in  Geistthal - Ausschnitt

In der Folterkammer (unter Androhung der Folter)

Nach ernstem und nachdrücklichem Zureden sagt sie:
Sie könne nichts anderes aussagen als das, was sie schon ausgesagt habe und das sei alles wahr. Sie sei keiner Zauberei noch anderer Handlungen schuldig. 

Sie sagt, sie habe auch die Frau Klos, die frühere Pflegerin in Greißenegg war, nicht krank gemacht. Noch viel weniger habe sie deren kleinen Sohn blind gemacht, wie sie bezichtigt werde. Sie habe aber die genannte Frau durch die Kräuter wieder gesund und das kleine Kind wieder sehend gemacht.

Sie sagt, sie könne kein Wetter machen und auch nicht lenken, außer dass sie es verhüten und mit oben stehendem Gebet ansprechen könne.

Sie sagt, dem Hoffant in Geistthal habe sie gelernt, wie er das Wetter vertreiben kann. Er sei aber schon gestorben. Er habe ihr aber dafür nichts gegeben. Sie  

 

Am 17. Juli am Vormittag  ohne Folter oder Androhung der Folter im Beisein des Herrn Landgerichtsverwalters

Sie bekennt: Wenn die Leute etwas gebraucht hätten, habe sie in die Kristalle geschaut und im Kristall habe sie das Kräutl, das für eine Krankheit geeignet gewesen sei, gesehen. Darauf habe sie bald darauf dieses Kräutl mit dem Gebet, den Kristallen und dem Rosenkranz gebracht. Und wenn sie zuhause das Gebet wieder verrichtet habe, dann habe sie fest daran geglaubt, dass es den Leuten geholfen habe. 

Sie sagt, keines ihrer Kinder habe diese Dinge gelernt. Wenn man ihr das aber erlauben würde und ihre Kinder das von ihr lernen wollten, dann wäre es ihr nicht zuwider, ihnen das zu lernen. Sie meine aber, ihre Kinder werden es gar nicht wollen, weil wenn sie zu ihren Kindern etwas gesagt habe, dann hätten sie bei einem solchen  Gebet kaum aufgepasst und achtgegeben. Wenn sie ihnen so etwas beibringen wollte, hätten ihre Kinder das gar nicht lernen wollen, sondern gesagt, es soll ein jeder zu seiner Arbeit gehen und darauf nicht achtgeben. Sie bekennt, dass sie sich und ihre Familie Zeit ihres Lebens mit diesen Kristallen und Ratschlägen geschützt habe.

 

Am selben Tag, in der Folterkammer

Sie gesteht nach ausgestandener Folter mit der Daumenschraube, dass sie den erwähnten schwarzen Stein vor einem Jahr von einer jungen Frau aus Graz, deren Namen sie aber nicht wisse, bekommen habe. Diese sei einmal spät abends zu ihr gekommen und habe für ein Kind ein Pulverl gegen die Fraisen (Krämpfe) verlangt. Drauf habe sie ihr ein Pulver gegeben, das vom sogenannten Pern-Kraut  gemacht wird. Sie habe sie ein Ändl, sie aber habe sie eine Mutter genannt.
Diese habe sie gefragt, sie sollt ihr sagen, was das für ein Stein sei und für wen er gut sei. Darauf habe sie gesagt, sie kenne so einen Stein nicht. Sie habe ihn aber für einen Trockenstein gehalten. Nachdem die junge Frau über Nacht geblieben sei, sei sie am nächsten Tag in der Früh wieder nach Hause gegangen.
Dass sie früher ausgesagt habe, dass sie diesen Stein von besagter Frau zu Waldstein bekommen habe, ebenso danach gesagt habe, sie hätte ihn gefunden, hab sie deswegen getan, damit sie die junge Frau, die ihn ihr gegeben habe, verschweige und nicht verrate. 

Sie bekennt schließlich, dass sie diesen Stein bei ihr getragen und für ihren Jesus Christus gehalten habe. Dass sei ihr so in den Sinn gekommen und aus Einfalt und Unverstand geschehen. Sie habe aber keinen Glauben an den Stein. Sie habe ihn auch weder zum Wetter machen, noch zu anderen Dingen nicht im Geringsten gebraucht.
Sie bekennt, dass die Leute, wenn ihnen etwas abhandengekommen wäre, zu ihr gekommen seien, damit sie das wieder bekommen könnten. Sie habe keinen anderen Rat gegeben, als dass man einen Pfennig auf den Pranger legen solle. So könne der Dieb nicht weiter kommen, sondern es würde offenbar werden. Man sei deswegen aber nur ein oder zweimal im Jahr zu ihr gekommen.

 

Beschreibung: N:\Fotos\Hexenprozess-Fotos\Geistthal\Geistthal 640\IMG_2636.JPG

„Frauenbrunnen“ in  Geistthal – Ausschnitt

 

Urteil

Auf diese ohne und mit Folter gemachten Aussagen haben die hier anwesenden Beisitzer und Rechtssprecher einstimmig zu Urteil und Recht gesprochen und erkannt, dass diese verbrecherische Frau namens Martha Mosegger wegen ihrer großen begangenen Sünden und Verbrechen ihr Leben verwirkt und den Tod verschuldet hat.Sie soll also am heutigen Tag auf der öffentlichen kaiserlichen Hinrichtungsstätte dem Scharfrichter den anderen zum abscheulichen Beispiel übergeben werden. Dieser soll sie übernehmen und wohl verwahren. Dann auf die Tratten hinaus führen und dort mit dem Schwert vom Leben in den Tod hinrichten. Der tote Körper aber soll zusammen mit dem Kopf auf den Scheiterhaufen geworfen und zu Staub und Asche verbrannt werden.

Voitsberg, den 9. 7. 1647

Johann Andreas Barth
Steirischer Bannrichter

 



Anmerkungen:
Der „Frauenbrunnen“ in Geistthal wurde vom weststeirischen Bildhauer Alfred Schlosser zur Erinnerung an die Hinrichtung von Martha Mosegger und an das grausame Leiden von Frauen in Europa, die dem Hexenwahn zum Opfer gefallen sind, errichtet.

Eine genauere Beschreibung des „Frauenbrunnens“ finden sie hier.

Dieses Protokoll wurde von Siegfried Kramer in unsere heutige Sprache übertragen.
Bernhard Reismann sei für die Korrektur herzlich gedankt.

Mein Dank gilt auch dem Leiter des Archivs des Stiftes Rein Herrn Norbert Müller für seine fachliche Unterstützung.
Das Original des Protokolls befindet sich im Archiv des Stiftes Rein.
Graz, 2010

 

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