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Verhör des Lorenz Pöllinger

 

Anfang September 1663 begegnet der singende Bettler Lorenz Pöllinger dem Bauern Georg Pistrich. Der Bauer bringt ihn mithilfe einiger Gläser Wein und der Drohung ihn zu erschießen soweit, dass er gesteht, dass er ein Zauberer sei und mit dem Teufel im Bunde stehe. Er nimmt ihn auf seinen Hof mit kettet ihn dort an. Dann wird der Landrichter verständigt, der ihn im Wirtshaus von Seebach bei Ranten verhört.
Der Landrichter ist sich unsicher, wie er sich in dieser Angelegenheit verhalten soll. Er wendet sich an einen Juristen in Graz. Der teilt ihm mit, dass er mit anderen Rechtsgelehrten Rücksprache gehalten habe. Diese vertreten die Meinung, dass es sich nur um Phantasie und Fabelei handle. Man soll aber den Burschen noch einmal unter Androhung der Folter und Zeigen der Daumenschraube aber ohne Anwendung der Folter befragen.
Der Stadtrichter von Murau übernimmt die Angelegenheit.
Lorenz Pöllinger wird nach Murau in den Kerker gebracht.

Verhöre am 10. September und 3. Oktober 1663:
Lorenz Pöllinger nimmt seine Aussagen zurück. Er sei vom Georg Pistrich zu den Geständnissen gezwungen worden.
Am 5. Oktober wird er dem Georg Pistrich gegenübergestellt.
Bei dieser Konfrontation macht er weitere "Geständnisse". Diese wiederholt er am 8. Oktober.
Am 9. Oktober widerruft Lorenz Pöllinger abermals alles, was er bisher gestanden hat.

 


1. Verhör:
10. September 1663
"Heute, am 10. September 1663, ist Lorenz Pöllinger, den der Georg Pistrich am Ocheling wegen vermuteter Zauberei verhaftet hat, auf die eingegebenen Aussagen im Beisein des Herrn Georg Diewalt (Stadtrichter), der Herrn Veit Gästl, Matthias Weyrer und Niklas Kolb (Ratsmitglieder) und des Herrn Paul Stainer (Stadtschreiber) nachdrücklich verhört worden.
Man hat zunächst dem genannten Pöllinger die von Pistrich eingereichte Aussage Wort für Wort vorgelesen und an seine Einsicht nachdrücklich appelliert. Er aber hat alles vollkommen in Abrede gestellt und gesagt, der Pistrich habe ihn bei Ranten getroffen und gesagt, es seien in Neumarkt 3 junge Burschen hingerichtet worden, die gestanden und ausgesagt hätten: Es ginge ein singender Bursch herum, der ein Zauberer sei. Er habe ihm daher gesagt, er soll nur die Zauberei gestehen, dann werde ihm nichts geschehen. Wenn er aber nichts aussage, werde er ihn erschießen. Er habe ihm in Seebach 2 Maßel Wein bezahlt, nur mit der Absicht, dass er gestehe und ihm danach als Viehhüter dienen soll. Außerdem habe Pistrich gesagt, er sei auch selbst geflogen und habe ihn deshalb gefragt, ob er ihn nicht kenne.

Ansonsten widerspricht besagter Pöllinger bei keinem einzigen Punkt den Aussagen des Pistrich. Er gestehe deshalb nicht, weil er alles nur gezwungenerweise dem Pistrich gegenüber auf dem Weg von Ranten nach Seebach habe tun müssen. Pistrich habe seine Aussage in ein Büchl geschrieben. Zum Schluss sagt Pöllinger, man könne mit ihm machen, was man wolle, er sei sich keiner Verfehlung schuldig.

 

grenzuebergang seetal
Alte Grenzstation zwischen Seetal in Salzburg und Seebach in der Steiermark

Am 3. Oktober 1663
ist Lorenz Pöllinger abermals im Beisein des Herrn Martin Gall (Stadtrichter), des Herrn Niklas Kolb und des Stadtschreibers Paul Stainer mit Vorzeigen und Androhen der Daumenschrauben im Bezug auf die vom genannten Pistrich eingebrachte Aussage mit Nachdruck verhört worden und er bleibt in allem bei seinen früher beschriebenen Aussagen.

Er sagt, er wisse sich keiner Übeltaten schuldig. Man möge mit ihm verfahren wie man wolle. Und was er früher gegenüber dem Pistrich ausgesagt habe, sei nur erzwungen geschehen und deshalb, weil dieser gedroht habe ihn zu erschießen.

 

Am 5. Oktober 1663
hat man den gefangenen Pöllinger mehrmals und im Beisein des Georg Pistrich, des Verursachers seines Erscheinens, nachdrücklich verhört und ihn gefragt, wie und in welcher Art und Weise der Pistrich ihn gezwungen habe, seine ersten Aussagen zu machen.

Er gesteht, dass der Teufel vor 3 Jahren im Frühling zwischen Teufenbach und Niederwölz beim Blochhaus morgens in der Früh in Gestalt einer schwarzen Katze mit leuchtenden Augen zu ihm gekommen sei und gesagt habe, er solle ihr zu Willen sein. Er aber habe es nicht gewollt und sei vor Schrecken niedergefallen. Die Katze habe ihm mit der Pratzen auf die linke Hand geschlagen, dass das Blut herausgeronnen ist. Das Blut habe sie herausgesaugt. Das habe ziemlich weh getan. Danach sei diese Katze verschwunden. Drei Tage später sei sie aber bei Niederwölz wieder zu ihm gekommen und habe gesagt, er gehöre schon ihr. Obwohl er widersprochen habe, habe sie gesagt, es könne nicht anders sein. Damit sei sie verschwunden. Die Katze, die der Teufel gewesen sei und Spitzgaster geheißen habe, habe verlangt, dass er ihr 6 Jahre dienen soll. Er sei aber nur ein halbes Jahr dabei geblieben. Nachdem er das Beten gelernt habe, habe sie keine Kraft mehr über ihn gehabt. In dieser Zeit sei dieser Spitzgaster, der Teufel, immer jeden dritten Tag zu ihm und seinen 3 Komplizen (also den Veit, den Gregor und den Peter) gekommen und beim Betteln nachgegangen. Sie seien fünfmal durch die Luft geflogen und hätten schwere Regengüsse gemacht, die aber keinen Schaden angerichtet hätten.

Sie seien in Oberwölz am Rabenpichl aufgesessen und nach Bruck geflogen, wo sie in ein leeres Schloss bei einem Berg linker Hand eingekehrt seien. Das Schloss sei unbewohnt gewesen und sie hätten Fleisch und Braten von einer Katze, die der Teufel gehäutet habe, gegessen. Und sie hätten Bier getrunken, das aus einer Lacke gekommen sei. Das Essen und das Trinken habe aber einen guten Geschmack gehabt. Der Teufel habe mit 2 Steinen ein Feuer gemacht. Danach hätten sie Holz angezündet und gekocht und gebraten. Die Bretteln, mit denen sie einzeln durch die Luft geflogen seien, hätten sie mit einer gelben Salbe, die der Teufel nur kleinweis hergegeben habe, auf der Unterseite angeschmiert. Wenn sie zu Mittag beim Rabenpichl aufgesessen seien, seien sie abends nach Leoben gekommen. Die Bretter habe immer der Teufel behalten und wieder mitgebracht.

In Katzelsdorf in Niederösterreich habe er gebeichtet. Bei der Kommunion habe er aber die Hostie im Mund auf die Seite getan, damit diese ihm beim Weintrinken nicht zergehe. Nachdem er aus der Kirche gekommen sei, habe er alles aus dem Mund genommen, auf die Erde geworfen und mit den Füßen darauf getreten. Er habe die Hostie aber nicht völlig, sondern nur teilweise zertreten. Er sei dann weggegangen und habe den Rest liegen gelassen. Seine 3 Komplizen hätten es ebenso gemacht. Und sie hätten zuletzt darauf sogar uriniert. Das habe er aber nicht getan.

Wenn sie durch die Luft geflogen seien, dann sei immer der Spitzgaster (der Teufel) in der Gestalt einer schwarzen Katze voraus geflogen und habe zwischendurch immer wieder geraunzt. Wenn sie aber gegessen hätten, dann habe er die Gestalt eines Menschen gehabt und er habe ihn einmal, als er nicht essen wollte, geschlagen. So habe er es auch mit seinen Komplizen gemacht.

wirtshaus in seebach
Wirtshaus in Seebach

Am 8. Oktober 1663
hat man den Lorenz Pöllinger im Beisein des Herrn Georg Diewalt (Stadtrichter), der Herrn Martin Gall, Matthias Weyrer und Niklas Kolb (Ratsmitglieder) und des Herrn Paul Stainer (Stadtschreiber) gefragt, ob er hinsichtlich der früher gemachten Aussagen noch geständig sei.

Er hat alles neuerlich gestanden und bestätigt.
Darüber hinaus hat er noch ausgesagt:
Er sei, als er von seinen Eltern weg sei, in Niederösterreich betteln gegangen. Dort habe er die oben genannten Burschen getroffen. Die hätten ihn gefragt, woher er sei. Darauf habe er gesagt, er sei ein Steirer. Darauf hätten sie ihn gefragt, ob er nicht mit ihnen mit halten wolle. Sie würden ihm etwas Lustiges beibringen. Auf seine Frage, was das sei, hätten sie gesagt "Zaubern". Er aber habe dazu wenig Lust gehabt. Er habe gesagt, wenn man es erführe, würde man sie einsperren. Darauf hätten die Burschen gesagt, man würde sie nicht so bald entdecken.

Danach hätten sie in Katzelsdorf in Niederösterreich gebeichtet und hätten das mit der Hostie gemacht, wie es oben beschrieben ist.
Später hätten sie in der Gegend von Oberwölz gebettelt. Dort sei der Spitzgaster
(Teufel) in Gestalt einer schwarzen Katze in der Nähe der Stadt abends auf der Straße zu ihnen gekommen und habe zu ihnen gesagt, sie sollen mit ihm gehen. Sie seien sodann auf den Rabenpichl gegangen und hätten dort übernachtet. Am anderen Tag am Nachmittag seien sie nach Bruck zu dem erwähnten öden und leeren Schloss geflogen und dabei auf Bretteln gesessen, die der Teufel gebracht habe. Er habe gesagt: Wir sitzen auf in Teufels Namen.
Sie hätten nur Regenwetter gemacht und sie seien in dem unbewohnten Schloss eingekehrt. Einmal hätten sie getanzt. Der Teufel habe gesungen und auf einer Maulpfeife gespielt und auch mit den Füßen dazu gestampft. Es sei auch eine schwarze Frau dabei gewesen und habe nur mit dem Teufel getanzt. Die Burschen seien miteinander herumgesprungen. Die erwähnte Frau habe der Teufel Regina genannt. Sie habe ihnen das Essen gekocht und sei immer bei ihnen gewesen. Sie habe ein schwarzes Gesicht und helle Augen gehabt. Sie sei auch mit dem Teufel in eine andere Kammer schlafen gegangen. Sie, die Burschen, seien auf Stroh gelegen. Danach seien sie immer am Morgen von besagtem Schloss hinunter nach Oberwölz betteln gegangen. Sie seien 5-mal zu diesem Schloss geflogen.

Der Teufel habe ihnen auch 5-mal Geld gegeben. Sie hätten damit weißes Brot, Wein, Met und Bier gekauft und selbst gegessen und getrunken. Der Teufel habe in einer Truhe viel davon gehabt. Er sei unterhalb von Teufenbach im öden und leeren Schloss in der Steinwand wohnhaft gewesen.
Wenn sie Hochwasser gemacht hätten, habe ihnen der Spitzgaster während des Fliegens gelbe Blumen gegeben. Die hätten sie und er ausgeworfen. Wenn aber seine Komplizen Hagel gemacht hätten, hätten sie weiße Blumen ausgesät und zum Reif machen weiße Steinchen. Sonst hätte er nie Hagel oder Reif gemacht. Seine Komplizen hätten ihn angewiesen und gesagt, dass das Schauer- und Reifmachen nur im Salzburger Land (wo er sie auch zurückgelassen hat) geschehen soll.

Jetzt habe er keine Anfechtungen mehr vom Bösen Feind (Teufel). Das letzte Mal sei er im vergangenen Sommer in Zederhaus bei einem Bauern, der Brugger genannt werde, bei dem er sich aufgehalten habe, in der Nacht in schwarzer Gestalt zu ihm gekommen. Er habe das Fenster aufgerissen und und hineingeblasen. Darauf habe er (Pöllinger) das Heilige Kreuz gemacht und gebetet. Darauf sei dann diese Katze wieder verschwunden.
Seinen Namen habe er der Katze am Anfang falsch angegeben, damit ihm diese nichts anhaben könne . So habe er ihr dann gesagt, er hieße Bartholomäus Ebinger, obwohl sein richtiger Name Lorenz Pöllinger sei.
Sonst sei beim Fliegen immer der Spitzgaster in Gestalt einer Katze der Erste gewesen, dann der Peter der Zweite. Er, Lorenz, der Dritte, der Gregor der Vierte und der Veitl der Letzte gewesen. Die Zunamen seiner Komplizen kenne er nicht. Er wisse auch nicht, woher sie seien und habe sie - wie gesagt - im Salzburger Land zurückgelassen. Wenn sie geflogen seien, hätten sie keine Erde, sehr wohl aber den Himmel gesehen. Sie seien über den Wolken gewesen.

Er (Pöllinger) sei bei St. Veit in einem Dorf geboren und ungefähr 20 Jahre alt.
Er beschließt damit seine Aussage.

Schloss Murau,
Jahr und Tag wie oben angegeben.

Am 9. Oktober 1663
hat der besagte Pöllinger seine früher gemachten Aussagen wieder vollkommen widerrufen. Er habe sie nur deshalb gemacht, weil er geglaubt habe, dadurch frei zu kommen. Er sagt ausdrücklich, dass er weder geflogen sei, noch Regen, Hagel oder Reif gemacht habe. Ansonsten gesteht er aber, dass er mit der heiligen Hostie, wie es oben beschrieben ist, umgegangen sei. Die anderen Burschen hätten ihn dazu angestiftet. Er habe es schon in St. Veit gebeichtet und dafür Buße getan.
Darauf ist der besagte Pöllinger im Beisein der oben angeführten Herrn mit scharfer Androhung der Daumenschraube nachdrücklich verhört worden. Er ist aber abermals bei den am 9. Oktober gemachten Aussagen geblieben, nämlich dass er nie Zauberei betrieben habe, noch mit dem Teufel zu tun gehabt habe.
Er habe sich ganz zu unrecht selbst beschuldigt. Er habe gedacht, dass er dadurch frei komme. Er sei durch Zureden zu dieser Meinung gekommen. Wenn er nun deswegen sterben müsse, dann geschehe ihm Unrecht.
Dass er aber mit der Hostie, wie oben beschrieben, umgegangen sei, gestehe er noch einmal und er sagt, er habe das gebeichtet und dafür Buße getan.

Nach all dem hat der verhaftete Lorenz Pöllinger im Beisein des Herrn Stadtschreibers und der anderen Herrn Beisitzer mehrmals ausdrücklich gesagt, dass der Pistrich ihn zur Aussage gezwungen habe, indem er ihm mit dem Erschießen gedroht habe. Auch habe dieser gesagt, er soll nur gestehen, es werde ihm nichts geschehen. Darauf habe er auch ausgesagt und es im Beisein mehrerer Herrn öfters bestätigt, wodurch er auch geglaubt habe, wieder frei zu kommen.

Damit er aber nun die genannten Herrn, bei denen er dies mehrmals ausgesagt habe, nicht vor den Kopf stoße, müsse er das bekennen, auch wenn es unrecht sei. Dafür wolle er sterben, jedoch völlig unschuldig, weil er sich dann der vorher beschriebenen Taten nicht im geringsten schuldig wisse.

Womit er diese Aussage beendet hat. "

Troadkasten in Seebach bei Ranten - nahe Murau

 

 

 

 

Am 10. Oktober 1663 wird Lorenz Pöllinger unter Folter (Daumenschrauben) abermals verhört. Aber er bleibt bei seiner Aussage. Der Bauer Pistrich habe ihn dazu gezwungen, weil er ihn mit dem Erschießen gedroht habe.
Eine Woche später bricht Lorenz Pöllinger unter den Folterqualen zusammen und wiederholt sein ursprüngliches Geständnis.
Daraufhin wird er am 18. Oktober zum Tode verurteilt. Er soll am 22. Oktober hingerichtet werden. Nachdem ihm das Todesurteil mitgeteilt worden war, widerruft er aber noch einmal sein früheres Geständnis.
Das Todesurteil wurde daraufhin ausgesetzt. Im "Geheimen Rat" wurde er sogar freigesprochen. Unverständlicherweise musste er aber weiter im Gefängnis bleiben.

Mitte Dezember kamen von der "Innerösterreichischen Regierung" neue Anweisungen.
Diesen entsprechend wurde der Prozess am 10. Jänner 1664 fortgesetzt.
Am 17. März kam es abermals zu einem Verhör, bei dem der gequälte Lorenz die schon im Herbst gemachten Aussagen wiederholte. 3 Tage später fällt der gefürchtete Bannrichter Johann Andre Barth das endgültige Urteil.

 


Brief der Innerösterreichischen Regierung vom 11. Dezember 1663

"Leopold I. von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reiches.
Getreue!
Was uns Andreas Barth, Bannrichter in der Steiermark, wegen des in der Angelegenheit Lorenz Pöllinger unter dem Datum 22. Oktober 1663 gefällten Urteils berichtet und zu verfügen gebeten hat, soll in mehrere Richtungen untersucht werden:

Erstens
wollen wir euch gnädigst beauftragen und befehlen, den Denunzianten Georg Pistrich genauer dazu zu untersuchen, was ihn bewogen hat, den Lorenz Pöllinger anzureden. Ob es einen Hinweis gegeben habe, dass er von ihm verlangt habe, zu gestehen gezaubert zu haben, dass er gesagt habe, es würde ihm nichts geschehen, aber er würde ihn erschießen, wenn er nichts aussage. Und mit welcher Absicht er ihm 2 Maßel Wein gezahlt habe und dass er gestehen und ihm danach als Viehhalter dienen soll. Und auch, dass er (Pistrich) gesagt habe, er sei selbst geflogen und er den Pöllinger gefragt habe, ob er ihn nicht kenne.
Zweitens, ob der Pöllinger recht bei Sinnen oder verwirrt sei. Und auch, ob er ein Teufelsmal an seinem Körper habe.
Drittens soll ausfindig gemacht werden, woher der Pöllinger sei, wer seine Eltern sind, wo er herumgezogen sei, bei wem er gedient habe, wie er sich verhalten habe und was er für ein Leben geführt habe und weitere Umstände, die in der Angelegenheit von Bedeutung sein mögen.
Das alles sollen sie ausfindig machen und der Innerösterreichischen Regierung fristgerecht berichten.

Dadurch geschehe unser gnädigster Wille und Meinung.
Graz, 11. Dezember 1663
Johann Carl Würzburger, Kanzler"

10. Jänner 1664

Im Beisein der Herrn Adam Leitner, Verwalter der Herrschaft Murau, des Stadtrichters Hans Georg Diewalt, der Ratsbürger Matthias Weyrer und Niklas Kolbe, sowie des Stadtschreibers Paul Stainer.
Aufgrund des vom Herrn Bannrichter Andreas Barth bezüglich des Lorenz Pöllinger wegen des Verdachtes der Zauberei bei der Innerösterreichischen Regierung eingereichten Berichtes und darauf an die Herrschaft Murau ergangenen Befehls ist Georg Pistrich am Ocheling als Denunziant folgendermaßen befragt und verhört worden.

Murau Stadtblick
Murau - Blick auf die Pfarrkirche

Georg Pistrich sagt folgendes aus:
Lorenz Pöllinger sei in Neumarkt singend herumgezogen und man habe ihn verdächtigt, dass er ein Zauberer sei. Darauf habe er sich eine Zeitlang nicht blicken lassen. Dann hätten die Zauberer in Dürnstein ausgesagt, es ginge ein singender Bursch herum, der ein Zauberer sei. Davon habe er gehört. Und dass der Richter in Perchau den Burschen zusammen mit einem blinden Bettler, den er geführt habe und mit dem er befreundet gewesen sei, eine Zeitlang ins Gefängnis gesetzt habe und wieder habe laufen lassen. Als er danach mit dem Richter wieder zu reden gekommen sei, habe er ihm von diesem Burschen gesagt, er sei ein rechter Taugenichts und habe ihn wegen seiner Aussagen in das Gefängnis gebracht. Eine Zeit später sei ihm besagter Pöllinger in Ratschfeld unweit von Ranten bei der großen Silberpappel begegnet. Er habe ihn gefragt, woher er komme. Er habe geantwortet: Aus Salzburg und Bayern. Dann habe er gesagt: Viel Glück, mein Vater, mein Jäger. Darauf habe er ihn gefragt, ob er nicht singen könnt und ob er nicht in Neumarkt in Gasthäusern gesungen habe. Darauf hat er mit Ja geantwortet. Er habe zu ihm weiters gesagt, man rede schlechte Sachen über ihn. Es seien in Dürnstein Zauberer hingerichtet worden. Die hätten über einen singenden Burschen ausgesagt. Er solle nur dort hingehen, dann würde er es hören. Darauf habe der Pöllinger gesagt: Behüt mich Gott. Ich geh nicht hin. Die Leute dort wären so gottlos und falsch und würden mich ins Gefängnis stecken. Darauf habe er (Pistrich) geantwortet, warum er sich fürchte hinzugehen, wenn er keiner Zauberei schuldig sei. Darauf habe er geschwiegen.

Weiters habe er zu ihm gesagt, er solle mit ihm gehen, er wolle ihn zum Landgericht führen. Während des Gehens habe der Pöllinger erzählt, er habe eine schwere Krankheit, das Hinfallende (Epilepsie). Er sei gleich darauf bei einer Wiese niedergefallen. Dann habe er sich bei einem Gebüsch versteckt und sehen wollen, wie es ausgeht. Er habe sich zweimal herumgewälzt. Als er nun wahrgenommen, dass niemand um ihn herum sei, habe er sich auf beide Hände aufgehoben, um sich herum geschaut und als er niemand gesehen habe, habe er sich aufgemacht, sein Pinkerl genommen und wollte davonlaufen.
Als er aus dem Gebüsch hervorgekommen sei, habe er ihn angeredet: Jetzt sehe er, dass er ein rechter Lump und ein Zauberer sei. Er wisse aber nicht, ob er die Büchse, die er am Rücken getragen habe, abgenommen, ihn damit habe schlagen wollen oder ihm mit dem Erschießen gedroht habe. Er habe zu ihm gesagt, er soll mit ihm nach Seebach zum Landrichter gehen. So habe er ihm gestanden, dass er fliegen könne. Es sei aber nicht dazu gekommen. Als der Pöllinger eine Zeit lang nicht gebetet habe und vor 4 oder 5 Jahren zwischen Teufenbach und Niederwölz unterwegs gewesen sei, da sei eine schwarze Katze zu ihm gekommen und habe zu ihm gesagt: Du musst mein sein. Er habe der Katze geantwortet: Nein, ich will und mag nicht. Darauf habe ihm die Katze mit der Pratzen auf die linke Hand geschlagen und mit dem Maul das Blut herausgesaugt. Das habe ihm schrecklich weh getan.
Wie sie nun aus Seebach gekommen seien, habe er es dem Zöllner erzählt. Der habe es nun für gut befunden, den Burschen weiter auszufragen. Sie seien mit ihm auf die Seite gegangen und er habe nicht nur das vorher Gesagte wiederholt, sondern auch noch weiters gesagt, dass er 5-mal durch die Luft geflogen sei. Beim Rantenpichl sei er aufgesessen und nach Katzelsdorf in Niederösterreich geflogen.
Dort sei er beichten gegangen und habe die heilige Kommunion empfangen und im Mund beiseite geschoben, damit er sie mit dem Wein, den man ihm damals zu trinken gegeben habe, nicht hinunterschlucke. Dann seien er und seine Komplizen hinaus gegangen und hätten die Hostie auf den Boden geworfen. Der Komplize habe gesagt, er solle darauf urinieren. Er habe aber nur mit den Füßen darauf getreten. Er habe es aber nicht ganz zerstören können. Dann habe sie ihr Teufel wieder in die Steiermark nach Bruck geführt.

Sodann hätten er und der Zöllner zusammen mit anderen Nachbarn einen Trunk in einem Wirtshaus gemacht und er habe ihm (dem Burschen) auch ein Maßel Wein geben lassen und gesagt, er wolle ihn als Viehhüter aufnehmen. Er solle mit ihm nach Hause gehen. Er habe das auch nur gesagt, damit er ihn bei Laune halte. Er wolle ihm Kleider geben und zu einem Soldaten machen. Das habe er nur zu dem Zweck getan, dass er den Burschen in guter Stimmung halten und seine Taten dem Landgericht anzeigen könne. Außerdem habe er zu dem Pöllinger gesagt, dass er auch geflogen sei und ob er ihn nicht kenne. Er hätte nicht sagen wollen, dass er auch ein Zauberer sei, sondern habe es nur gesagt, damit er das Geständnis vollende. Der Zöllner in Seebach wollte ihn auch auf die Probe stellen. Als er den Pöllinger gefragt habe, ob denn das, was er gesagt habe, so gewesen sei und ob er ihn auch habe fliegen gesehen. Er habe geantwortet, dass er ihn nicht gesehen habe.

fresko pfarrkirche ranten
Teufelsdarstellung in einem Fresko an der Pfarrkirche von Ranten

Außerdem sagt Pistrich aus, der Bursche habe ihm schon gesagt, woher er stamme und wer seine Eltern seien. Er könne sich aber nicht erinnern.

Pöllinger sagt aus: Seine Mutter halte sich in der Nähe von Neumarkt beim Hans Singer am Singeregg auf. Sie sei eine Tagwerkerin und gehe nicht betteln. Sein Vater habe all ihre Habe verkauft. Als seine Mutter deswegen ganz böse gewesen sei, sei er mit der Tochter des Bauern (der Hure) weggezogen. Der Bauer Treml, bei dem seine Mutter lebe und in Dienst sei, gehöre zur Herrschaft Friesach. Wo er geboren worden sei, heiße St. Veit in der Gegend.

Er sei auch dort getauft worden. Und es sei der Hans Singer sein Taufpate. Seine Mutter habe damals zu Felden gewohnt und sein Vater sei ein Knecht gewesen. Als er etwas älter geworden sei, habe ihn seine Mutter zum Georg Lindt in Berg außerhalb von Neumarkt in Dienst gegeben. Das sei vor drei Jahren gewesen. Er sei aber nicht länger als 14 Tage dort gewesen. Der Knecht habe ihn geschlagen. Darauf sei er weggegangen, in das Land hinaus. Er sei dann nach Kirchberg in Niederösterreich zu einem blinden Viehhüter gekommen. Bei dem sei er zwei Jahre geblieben. Dieser habe ihn zum Betteln mitgenommen. Bei ihm habe er singen und beten gelernt. Nachdem er von ihm weggegangen sei, sei er nach Hafning zu einem Bauern und Salzträger gegangen - namens Peter Hoffinger. Dort habe er er sich vom Frühling bis zum Herbst aufgehalten. Nachdem ihn der Bauer nicht länger behalten wollte, sei er betteln gegangen. Aber nicht lang. Er sei dann wieder zu seinem vorigen Bauern Georg in Kirchberg gegangen. Er habe sich dort 14 Tage aufgehalten. Als es geschneit habe, sei er von ihm weggegangen. Eine Zeitlang sei er nach Neumarkt zum Singer gegangen. Dann sei er ins Salzburger Land gezogen. Dort sei er singen und betteln gegangen. Er sei aber nicht weiter gekommen als bis nach Werfen.

Bezüglich des zweiten Punktes des Befehls können wir nicht finden oder erkennen, dass besagter Pöllinger nicht bei seiner Vernunft sein soll. Nachdem man ihn zu unterschiedlichen Sachen befragt hat, hat er immer sehr vernünftig geantwortet hat.
Und auch des Herrn Bannrichters Aussagen konnte er unaufgefordert Punkt für Punkt wiedergeben."

 

Urteil des landesfürstlichen Bannrichters Johann Andre Barth über Lorenz Pöllinger

"Weil dieser arme Sünder widernatürliche Unzucht getrieben hat und dieser Abtrünnige des rechten Glaubens auch gegen die Natur des menschlichen Geschlechts, ja zusammen mit dem Erbfeind aller christgläubigen Menschen gotteslästerlich gesündigt hat und sich mit diesem nicht nur fleischlich vereinigt hat, sondern zuvor auch den Schöpfer des Himmels und der Erde, seine höchstglorwürdige Mutter und Jungfrau Maria gemeinsam mit allen Heiligen höchst verdammenswert abgeschworen und sich verpflichte hat, dem Teufel mit Leib und Seele verdammt zu dienen, dazu auch noch andere mit einem Meineid verführt hat, dem Teufel zu dienen, auch den Schöpfer des Himmels und der Erde so grausam verunehrt, mit Füßen getreten und so beschimpft hat, dass sogar die Juden, ja sogar der Teufel selbst das zu tun sich nicht unterstehen dürfen.

So haben meine Herrn Beisitzer und Rechtsprecher einhellig beschlossen und zu Recht erkannt, dass er zum heutigen Tag im öffentlichen Gericht dem Scharfrichter überantwortet werden soll. Dieser soll ihn gut bewacht zur üblichen Gerichtsstätte hinausführen und dort mit dem Strick hinrichten. Den Körper aber soll er zu Asche und Staub verbrennen.

Im übrigen, was den Georg Pistrich als ordnungswidrigen und Gebote übertretenden Denunzianten betrifft: Weil es nun einmal niemand erlaubt ist, seinen Nächsten mit Hinterlist und Täuschung, durch Lüge und das Versprechen, nicht bestraft zu werden, zum Geständnis zu zwingen, und er sich auch noch bis heute gegen die Obrigkeit widerspenstig und ungehorsam gezeigt habe, wodurch das Landgericht unnötige Unkosten gehabt habe, soll er später dazu verurteilt werden, zur Strafe die Prozesskosten rückzuerstatten."

kapelle in ratschfeld
Kapelle in Ratschfeld bei Ranten (Steiermark)

 

Im Schloss Murau, den 20. März 1664

Johann Andre Barth
Bannrichter in der Steiermark

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkung:
Dieses Protokoll aus dem 17. Jahrhundert wurde von mir (Siegfried Kramer) möglichst wortgetreu in unsere heutige Sprache übertragen. Die Originale der Prozessakten befinden sich im Schwarzenbergischen Archiv im Schloss Murau. Frau Heike Kellner danke ich für ihre Unterstützung. Herrn Bernhard Reismann danke ich für Korrektur.
Ausführlich im historischen Kontext dargestellt wurde der Prozess gegen Lorenz Pöllinger von Walter Brunner (1986) unter dem Titel "Hexen und Zaubereiprozesse im Bezirk Murau" in der "Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark".
Graz 2013

 

 

fresko pfarrkirche ranten
Fresko an der Pfarrkirche von Ranten

 

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