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Prozess gegen Marina Schepp wegen Zauberei

1695, Hl. Dreifaltigkeit bei Lichtenegg (Podlehnik in Slowenien)


a.

Kriminalprozess


Beim Landgericht der Dominikaner in Pettau (Ptuj in Slowenien) bei der Hl. Dreifaltigkeit unter der Herrschaft Lichtenegg.
Am 28. Juni 1695 ist dem kaiserlichen Banngericht eine weibliche Person namens Marina Schepp, Witwe, an die 50 Jahre alt, wegen Zauberei zum Verhör vorgeführt worden.
Kläger Martius Löwen bringt die Überprüfung durch das Landgericht ein.
Am 26. Mai 1695  ist die Marina, die Ehefrau des verstorbenen Jansche Wessiak, die am 10. Mai von der Herrschaft Turnisch hieher überstellt worden ist, durch das Landgericht der Herrn Dominikaner-Patres bei der Heiligen Dreifaltigkeit ohne Folter verhört worden.

Liechtenegg
Lichtenegg (Podlehnik, Slowenien)

Sie setzt ihre früher gemachten Aussagen fort und bestätigt, dass die 2 Binkerln mit der Absicht gegeben worden sind, dass sie ein wenig Kleinkram zum Lebensunterhalt, wie sie ihr versprochen hat, bekommen möge. Es sei aber nichts Schlechtes oder Zauber-Utensilien dabei. Sie wüsste auch nicht mit so etwas umzugehen. Die Rosen habe sie im vergangenen Fasching bekommen. Sie wollte aber nicht sagen, wo sie sie bekommen oder genommen habe. Später habe sie sie unter das Dach gesteckt.

Am selben Tag am Nachmittag hat sie beim Verhör ohne Folter bekannt, dass sie vor 3 Jahren, als ihre Tochter Marinka, die sich in dieser Zeit beim Philipp Parpenek in Gradischenberg (Gradisca) aufgehalten habe, den Joseph, der in Ankenstein (Borl bei Ptuj in Slowenien) Torwächter gewesen sei, geheiratet habe, aus der Truhe ihrer Tochter ein Jungfrauen-Kranzl herausgenommen habe. Damals sei die Truhe offengestanden, weil der Schlüssel abgebrochen gewesen sei und der Wirt selbst geholfen habe sie aufzumachen. Daraus habe sie diesen Rosenkranz, den sie der Mautner gegeben hat, gemacht. Für diesen habe sie auch den Segenbaum (juniperus sabina), der zuhause gewesen sei, genommen. Das alles habe ihr ihr verrückter Verstand geraten. Auch habe sie zu sich selbst gesagt: Schweig, schweig! Ich will etwas machen, damit ich etwas zum Essen bekomme.

Unter der Daumenschraube gesteht sie weiter nichts. Sie bittet bis morgen um Geduld. Sie sollen sie nur auf die Richtstätte nehmen. Sie wolle sagen was sie wisse. Sie verlangt nur, dass man ihr das Leben nehme.

Bei der zweiten Anwendung der Daumenschraube gesteht sie, dass sie vor 2 Jahren betrunken gewesen sei und nicht gern gebetet habe. Es sei der Böse Engel in der Gestalt eines Mannes aus der Krain in einem schwarzen Rock zu ihr gekommen. Und zwar bei St. Barbara, als sie von einem Wirtshaus am Kirchweih-Tag zu nächtlicher Stunde nach Hause gegangen sei. Er habe ihr bald darauf geraten, nicht an Gott zu glauben. Von der Zeit an sei sie wie um den Verstand gebracht gewesen und habe lauter unvernünftige Dinge getrieben. Der Böse Feind habe ihr versprochen, genügend Lebensmittel zu verschaffen. Sie aber sei nur eine Bettlerin geblieben. Und sie habe auch bisher den rechten Glauben und die Andacht zu Gott gehabt.

Vor einem Jahr habe der Böse in der Fastenzeit mit ihr in der Gestalt eines Menschen zur Abendzeit bei einem Kreuzweg fleischlich gesündigt. Damals habe er ihr ein Zeichen unter den rechten Arm gegeben.
Er habe ihr auch verboten, an Gott und die heilige Dreifaltigkeit zu glauben. Sie aber habe gleichwohl den rechten Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit gehabt.

Die Angeklagte schwankt in ihren ersten Bekenntnissen.
Einmal sagt sie aus, dass sie aufgrund der damals erlittenen Martern nicht gewusst habe, was sie geredet habe, das andere mal aber sagt sie , dass dem so sei, dass der Böse ihr erschienen sei. Sie wollte aber nicht gestehen, dass er zu ihr etwas gesagt oder ihr etwas geraten habe, sondern lediglich, dass er ihr den Verstand verrückt gemacht habe.

Gorca
Hl. Dreifaltigkeit (Gorca) Slowenien

In gleicher Weise bestreitet sie, dass der Böse ihr versprochen habe, ihr Lebensmittel zu verschaffen.
Ebenso bestreitet sie die Vereinigung mit dem Bösen.
Ebenso bestreitet sie das Zeichen des Teufels am Körper zu haben und dass sie jemals von so etwas gesprochen habe.

Es wird ihr ein Termin für den Nachmittag gegeben, damit sie Zeit hat nachzudenken.

 

 


 

Nach dem Mittagessen


Am selben Tag um 5 Uhr Nachmittag wird die Täterin vorgeladen und gefragt, wessen sie sich inzwischen besonnen habe.
Die Angeklagte bleibt zunächst wie am Vormittag beim Verweigern.
Desgleichen bestreitet sie die Vereinigung mit dem Bösen Geist.
Ebenso bestreitet sie den Punkt mit dem Teufels-Mal.

Schließlich gesteht sie, dass sie das, was sie beim Verhör beim Landgericht gesagt habe, wegen der Folter gesagt habe, in der Hoffnung, dann freizukommen. Sonst aber sei es nicht der Fall gewesen, dass der Teufel ihr angeraten hätte, nicht an Gott zu glauben. Noch habe sie sich mit ihm fleischlich vereinigt oder ein körperliches Zeichen (Teufels-Mal) bekommen.

Am 29. dieses Monats um 5 Uhr Nachmittag hat der Bannrichter  das von der Täterin beim landgerichtlichen Verhör eingestandene Teufels-Zeichen durch den Scharfrichter untersuchen lassen. Es wurde nicht unter dem rechten Arm, sondern an der linken Schulter gefunden und wurde durch den erwähnten Fachmann entsprechend gestochen, und zwar so, dass die Untersuchungs-Nadel 2 ½ Finger tief eindrang, ohne dass irgendwelche Blutstropfen wahrzunehmen waren, noch dass die Täterin Zeichen von Schmerzen gezeigt hat. Daraus ist erkannt und nachgewiesen worden, dass es sich um ein Teufels-Mal handelt.

Am 30. desselben Monats um 6 Uhr früh wurde die Täterin in die Folterkammer geführt. Ihr wurde eindringlich zugeredet, die Wahrheit ohne Folter zu gestehen, zumal ja schon längst das Zeichen des Teufels gefunden worden ist, wie es oben beschieben ist, und sie deswegen angeklagt worden ist.
Nachdem sie nichts gestehen will, werden ihr die Fesseln angelegt.

Die Angeklagte will nichts gestehen. Sie sagt sie sei unschuldig. Daher wurden die Fesseln gelöst und die Tortur auf ein erträglicheres Maß zurückgenommen. Am selben Tag um 6 Uhr Nachmittag wurde die Täterin auf die Vorrichtung zum Hochziehen gebracht und ermahnt, die Wahrheit zu sagen. Darauf hat die Täterin abermals nichts gestanden  und feierlich beschworen, dass sie unschuldig sei. Dabei hat sie ihren verrückten Verstand verflucht. Aber als der Herr Bannrichter hinzufügte, woher denn dann das Teufels-Mal käme, hat sie die Frage nicht wirklich beantworten können. Nachdem sie ¼ Stunde gehangen war, ist sie wieder heruntergelassen worden.

Blick auf Hexenberg
Blick von Hl. Dreifaltigkeit (Gorca) zum Rohitschberg
Am 1. Juli um 4 Uhr früh wird die Täterin, nachdem ihr vorher die Haare abgeschnitten worden sind, auf den Hexenstuhl gesetzt.
Nachdem sie 6 ½ Stunden auf dem Hexenstuhl gesessen ist, schickte sie nach dem Herr Bannrichter und gestand, dass es so sei, wie sie vorher ausgesagt habe, dass sie sich nämlich mit dem Bösen Geist vereinigt habe. Dieser habe ein kaltes Geschlecht gehabt und habe ihr das bei ihr gefundene Teufels-Mal gegeben. Diese fleischliche Tat sei vor 2 Jahren um Philippi Jakobi (25.7.) bei einer Wegkreuzung geschehen. Der Böse Geist sei ihr in einer abscheulichen Gestalt und in schwarzen Kleidern zweimal erschienen. Das erste Mal habe er ihr befohlen, Gott dem Allmächtigen und Unserer lieben Frau abzuschwören und in keine Kirche zu gehen. Darauf habe sie auch nach dem Befehl des Bösen Geistes allem abgeschworen und in der Folge habe sie ihm auch ihre Seele gegeben. Der Böse Geist habe ihr wiederum versprochen, Lebensmittel zu verschaffen. Die Täterin habe aber gleichwohl betteln müssen.  Sie schwört hoch und heilig, dass sie mit keiner anderen Zauberei zu tun gehabt hab. Noch weniger habe sie Menschen, Vieh und anderen Lebewesen mit Zauberei geschadet. Auch wisse sie von keinen Komplizen und Gesinnungs-Genossinnen und sie weise es beim Heil  ihrer Seele zurück, dass andere Arten von Zauberern gefunden werden können. Sie habe nur dem Bösen Geist angehangen und könne daher von keinen Komplizen wissen. So hat der Herr Bannrichter sie wegen der Komplizen nicht weiter bedrängt.

Am 2. Juli wird die Täterin um 12 Uhr mittags zur Gerichts-Bank geführt und es werden ihr die unter Folter gegebenen Geständnisse Stück für Stück wider gegeben und gefragt, ob sie diese auch jetzt bestätige.

Die Angeklagte bestätigt ihre begangenen Verbrechen. Darauf wird ihr der Tod angekündigt  und sie wird zu wahrer Reue und Buße ermahnt, ein Geistlicher empfohlen und am 3. Juli mit der Beichte und der Heiligen Kommunion versehen.
Hierauf ist sie am 4. desselben Monats dem Banngericht zur endgültigen Verurteilung vorgeführt worden.

Beisitzer: Friedrich Staiber, Sebastian Schriffkorn, Andreas Mahr, Andreas Weispucher, Gregor Wassermann, Kaspar Struzl, Johann Ludwig Mörthl, Andreas Pisoritz, Heinrich Keller, Urban Zasputa, Lukas Siniza, Joseph Hrustey

 

 

Gorca
Kirche Hl. Dreifaltigkeit (Gorca)



Urteil


Nach Anklage, Antwort und gerichtlicher Darlegung und auch Wahrheitsfindung, alles nach dem Inhalt der Landgerichtsordnung der Steiermark geschehen, haben die Herrn Beisitzer und Urteiler dieses Gerichtes dahingehend erkannt, dass die derzeit vor Gericht stehende Marina Schepp wegen ihrer Verbrechen, die sie nach dem vorgelesenen Geständnis verübt hat, am heutigen Tag in die Verantwortung des kaiserlichen Scharfrichters übergeben werden soll. Dieser soll sie zur allgemeinen Hinrichtungsstätte führen und dort mit dem kaiserlichen Schwert hinrichten. Darauf soll er den Körper mit dem abgehackten Kopf auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrennen und die Asche in der Erde vergraben.
Gott sei der armen Seele gnädig und barmherzig. Amen.

Hl. Dreifaltigkeit, am 4. Juli 1695

Dr. P.L. Apostelen
kaiserlicher Bannrichter im Viertel Cilli (Celj)




b.

Bannrichterliche Taxe und Unterhalt

Erstens für den Herrn Bannrichter für die Reise von und nach Hause 2 Tage und für den Aufenthalt vor Ort 7 Tage, also zusammen 9 Tage zu je 6 ß.... 6 fl.   45 kr.
1695, am  
28. Juni für 2 Verhöre der Marina Schepp ohne Folter zu je 6 ß…........
1 fl.   30 kr.
29. Juni für die Untersuchung der Male des Teufels.................... -  45 kr.
30. Juni für ein Verhör der Täterin (gefesselt) ohne Folter …............       -  45 kr.
am selben Tag für ein Verhör der Täterin (hochgezogen) mit Folter ..... - 45 kr.
1. Juli  für ein Verhör auf dem Hexenstuhl.............................        45 kr.
für ein Verhör bei der Gerichtsbank.........................................         45 kr.
für zwei Geständnisse (je 1 fl. 4 ß ff) …....................................        3 fl. 45 kr.
für die Organisation des Prozesses …........................................      
1 fl. 30 kr.
  16 fl. 30 kr.
Für den Banngerichts-Schreiber    
ebenfalls für 9 Tage zu je 4 ß ff  ........................................... 4 fl. 30 kr.
für die Anklage................................................................     1 fl. 15 kr.
für die Milderung der Strafe .................................................          30 kr.
für sicheres Geleit  ….........................................................     15 kr.
  6 fl. 30 kr.
Für den Scharfrichter zusammen mit seinem Knecht,    
ebenfalls 9 Tage zu je 6 ß ff.................................................       6 fl.  45 kr.
für die Aufrichtung des Zugs (zur Folterung)   15 kr.
für die Untersuchung des Teufels-Mals  ….........................    1 fl.  
für das Abschneiden der Haare  …....      2 fl.  
für 2 Verhöre mit Folter durch Festbinden und Hochziehen   …..........      1 fl.  
für das Errichten und Aufsetzen auf den Hexenstuhl  …....................      45 kr.
für die Hinrichtung der Täterin  ............................................        15 kr.
für die Vernichtung des Körpers  ….........................................        45 kr.
Entlohnung für die Errichtung des Scheiterhaufens  …....................       45 kr.
für Feuerhaken..............................................................    30 kr.
für Asche eingraben......................................................... 1 fl.  
für das Gerichts-Essen......................................................      45 kr.
   14 fl.  45 kr.
Summa Summarum  37 fl. (Gulden)  45 kr.(Kreuzer)    

       

 

 

Dass die obenstehende Summe von 37 fl. 45 kr. vom Landgericht bei der heiligen Dreifaltigkeit unter Lichtenegg mir dem Unterfertigten heute bar ausbezahlt und entschädigt worden ist, bezeuge ich durch meine eigenhändige Unterschrift.

Heilige Dreifaltigkeit unter Lichtenegg, am 4.7.1695

Dr. P.L. von Apostelen
kaiserlicher Bannrichter im Viertel Cilli

 

Gorca
Kirche Hl. Dreifaltigkeit (Gorca)


Anmerkung:
Das handgeschriebene Original des Prozess-Protokolls befindet sich im Steiermärkisches Landesarchiv.
Das handschriftliche Prozessprotokoll in Druckbuchstaben übertragen findet man in den Steiermärkischen Geschichtsblättern aus dem Jahr 1882 (S.175ff).

Das Protokoll aus dem 17. Jahrhundert wurde von Siegfried Kramer möglichst wortgetreu in unsere heutige Sprache übertragen.
Herrn Dr. Bernhard Reismann danke ich herzlich für die Unterstützung und Korrektur meiner Arbeit.
Graz 2012


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