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Prozess gegen Gera Scherb

 

Heute, am 9. Jänner 1672 habe ich auf Anordnung der hochlöblichen Regierung den Kriminal-Prozess gegen Marina, die Ehefrau des Michael Hörk, und ihre Schwester Gera begonnen.

Am 10. Jänner ist die Witwe Gera Scherb ohne Anwendung der Folter zum zweiten Mal verhört worden. Sie will abermals nichts gestehen.

Am 11. Jänner 1672 Vormittag ist die Gera Scherb abermals, und zwar anfangs ohne Anwendung der Folter, verhört worden. Sie wollte sich aber nicht fügen. Daher ist sie zur Folterkammer geführt worden. Dort ist ihr weiter gut zugeredet worden. Sie hat aber in ihrer Verweigerung verharrt. Aus diesem Grund ist sie zum ersten Mal gefoltert worden. Sie hat aber nichts gestanden.

Luttenberg Hexe

Hexendarstellung im Museum von Luttenberg (Ljutomer, Slowenien)

Am 12. Jänner ist die Gera abermals in der Folterkammer verhört worden.
Sie gesteht: Vor 6 Jahren im Sommer an einem Mittwoch Abend seien die Urscha Juritschetsch, die schon tot ist, und ihre Schwester Marina Hörk zu ihr nach Schützendorf (Stročja vas in Slowenien) ins Haus gekommen und hätten sie angeredet, sie solle mit ihnen gehen. Sie wollten lustig sein. Gera habe die Einladung entschieden abgelehnt. Auf weiteres Drängen aber sei sie mit ihnen zur Presicka zu einer kleinen Brücke gegangen. Dort hätten sie zu dritt ein wenig getanzt. Inzwischen sei Maria, die Frau des Müllers, zufällig zur kleinen Brücke gekommen und hätte sie dort angetroffen. Marina Hörk habe die Müllerin aufgefordert, sie solle bei ihnen bleiben und es sich gut gehen lassen. Die Müllerin lehnte aber ab. Worauf sie die Gera mit einem Messer mit dem Tod bedroht hat, falls sie etwas davon weitersagen würde.

Vor ungefähr 6 Jahren am heiligen Osterabend sei die Schmied aus Schützendorf, die in die Insel auf Striga geflüchtet ist, zu ihrem Haus in Schützendorf gekommen und hat gesagt, sie (Gera) solle mit ihr mitgehen. Sie wollten auch die Urscha, die Tochter des Jackl mitnehmen. Sie hat sich zwar zunächst geweigert, dann aber doch überreden lassen und ist mit ihr zum Haus der erwähnten Urscha gegangen, aus dem die Schmied die Urscha herausgerufen hat. Die Urscha ist auch bald darauf herausgekommen. Darauf habe die Schmied die Urscha bei der Hand ergriffen und sie mit Gewalt zu dem unter des Toritsch von Luttenberg (Ljutomer, Slowenien) in Schützenberg liegenden Weingarten geführt. Dort ist schon ein leerer Stiel bereitgestanden, auf den die Schmied die Urscha geheißen habe aufzusitzen. Das habe sie aber abgelehnt. Die Schmied habe sie aber mit Gewalt gezwungen und zwischen sich und der Gera Scherb hineingesetzt, mit der Drohung, wenn sie nicht mitfahren wolle oder sie verraten würde, dann wolle sie mit dem Messer, das sie in der Hand habe, die Lunge und die Leber herausschneiden.

Bald darauf habe die Schmied einen in Gestalt einer Natter geformte Rute in der Hand gehabt, mit der sie den Stiel begonnen habe zu schlagen. Der habe sich gleich darauf mit ihnen in die Höhe bewegt. Sie seien auf dem Stiel vom Graben unter dem Schloss Luttenberg in die Luft gefahren. Sie seien aber bald wieder umgekehrt und zurückgefahren. Sie seien zum erwähnten Schloss zurückgeflogen und niedergesunken. Die Schmied habe mit der erwähnten Rute den Stiel wieder begonnen zu schlagen. Darauf habe er sich wieder in die Höhe begeben und sei dann nach Schützendorf auf einen von der Koch gehörenden Berg oder Hügel geflogen. Dort seien sie abgesessen. Es seien schon an die 20 andere ihr aber unbekannte Männer und Frauen dort gewesen. Außerdem zwei Geigenspielern namens Juvan, der Sohn des Rosso, und Balasch, der Sohn des Schmied, beide aus Feistritz. Sie hätten dort getanzt, gegessen und getrunken. Nach dem Tanzen seien alle wieder nach Hause gegangen und hätten den Stiel dort liegen gelassen. Die Urscha sei unter dem Ofen ihres Vaters bewusstlos liegend gefunden worden.

Alte Ansicht Luttenberg

Alte Ansicht von Luttenberg (Ljutomer, Slowenien)

Sie gesteht, dass sie - Gera Scherb - vor 6 Jahren an einem Sonntag Abend bei ihrem Bruder Juvan Sitar, der bereits gestorben sei, zusammen mit ihrer Schwester Marina, der Urscha Juritschetsch ihr Bruder und dessen Frau Magdalena, die auch schon tot sei, auf einem mit 2 Ochsen und 1 Pferd bespannten Wagen, auf dem ein schwarz gekleideter kleiner Krainer gesessen sei, 2 Stunden in der Nacht, nachdem sie ein Nachtmahl bei ihrem Bruder eingenommen hätten, nach Raz Conisa auf die Wiesen gefahren seien. Dort seien sie abgesessen und hätten ein Lager aufgeschlagen und und einen Kirchtag vorgefunden. Den hätten sie besichtigt aber sie hätten nichts gekauft. Unter anderem sei auch ein Met-Händler dort gewesen, bei dem sie Met und um 3 Kreuzer Lebkuchen gekauft habe. Es habe aber ihr Bruder bezahlt. Bei diesem Kirchtag hätten sie getanzt und es hätten die zwei oben genannten Geiger zusammen mit 2 Pfeifern namens Stefan (der Sohn des Urbanitsch aus Raz Konisa) und Niklas (des Schmied Sohn in Urschitz) musiziert. Die Händler seien ungarisch, der der das Met verkauft habe, sei deutsch gekleidet gewesen. Nach Beendigung des Tanzes, der an die 2 Stunden gedauert habe, seien sie wieder zum Haus ihres Bruders gefahren und von dort nach Hause gegangen.

Im Jahre 1670, an einem Samstag vor Pfingsten in der ersten Stunde der Nacht, seien sie (Gera) und ihre Schwester Marina zur Gera Kirschneritsch in den Keller gekommen, wo die Gera und ihr Mann geschlafen hätten. Sie (die 2 Schwestern) hätten die Gera aufgefordert mit ihnen zu gehen, was sie aber abgelehnt habe. Darauf habe ihr die Marina mit einer Rute, die sie in der Hand hielt und die einer Schlange glich, über das Maul geschlagen, wodurch ihr der Mund voll Räuden geworden ist, die viele Tage zu sehen waren. Solche Schlangen hat ihr der Teufel namens Hanscheck, der beiden Schwestern zu Diensten war, gegeben. So seien sie unverrichteter Dinge von der Gera Kirschneritsch nach Hause gegangen.

Am St. Johannes Abend desselben Jahres sei sie (Gera Scherb) mit ihrer Schwester 2 Stunden in der Nacht wieder zur Gera Kirschneritsch oder Tschuritsch gekommen und habe von ihr verlangt, sie soll mit ihnen zum Hl. Berg gehen. Sie habe sich entschuldigt, habe aber trotzdem bis zum Apfelbaum in ihrem Garten gehen müssen und dort eine Stunde getanzt. Und nachdem die Kirschneritsch nicht weiter mit ihnen gehen und tanzen wollte, habe sie der Spielmann Ballasch mit der flachen Seite von einem Säbel geschlagen. Dort seeien die beiden erwähnten Geiger gewesen, nämlich der Ballasch und der Juvan. Und es hätten auch die Geiger getanzt. Ihr Hanscheck sei ungefähr 6 Schritt groß gewesen. Er sei mit einer schwarzen Jacke gekleidet gewesen und habe wie ein Deutscher ausgesehen. Er habe aber nicht getanzt. Nach Beendigung seien sie nach Hause gegangen.

Am 18. Jänner 1672 ist die Gera Scherb wieder zur Folterkammer geführt worden. Anfangs wurde ihr ohne Anwendung der Folter zugeredet zu gestehen. Nachdem sie hartnäckig widersprochen hat, wurde sie in geringem Grad gefoltert. Sie leugnete aber wie vorher. Daraufhin ist sie auf den Hexenstuhl gesetzt worden.

Nach 4 Stunden gesteht sie wie oben beschrieben und bestätigt dabei detailliert 7 Punkte.

Sie gesteht weiters, dass vor 6 Jahren der Böse Feind, als er das zweite Mal zu ihr gekommen sei, von ihr das Kind verlangt habe, wenn sie als Witwe schwanger werden sollte. Versprochen aber nicht gehalten.

Sie gesteht auch, dass der Böse Geist ihre Seele verlangt habe. Die sei ihm aber erst nach ihrem Tod versprochen.

Sie gesteht, dass sie dreimal mit dem bösen Geist gesündigt habe: Beim ersten Mal vor 5 Jahren mit ihm in Gestalt eines kroatischen Musikers, weiß gekleidet und mittleren Standes in Schützendorf in in einem Stadl, das zweite Mal ebendort in einer Stuben und das dritte Mal vor 2 Jahren in Zweng in einem Schuppen.

Ebenso bekennt sie, der Böse Feind habe von ihr verlangt, Gott abzusagen. Das habe sie ihm aber nicht vollkommen zugesagt.

Grabstein Pfarrkirche Luttenberg

Grabstein in der Pfarrkirche von Luttenberg

Weiters gesteht sie, dass sie der Teufel vor 5 Jahren unter der rechten Brust gezeichnet habe. Was auch gefunden worden ist. Er habe das Blut von ihr in einem Topf weggetragen. Wo er ihn aber hingetragen habe, wisse sie nicht.

 

Urteil


Die Gera Scherb soll wegen ihrer begangenen und gestandenen Übeltaten nach dem Kaiserlichen Recht mit dem Schwert vom Leben zum Tod gebracht werden. Der Körper aber soll mit dem Feuer zu Staub und Asche vernichtet werden.
Gott sei ihrer Seele gnädig.
Luttenberg, den 23. Jänner 1672



 

 


Anmerkung: Der Originaltext befindet sich im Steiermärkischen Landesarchiv unter COP 1672-IV-59. Das Protokoll aus dem 17. Jahrhundert wurde von mir (Siegfried Kramer) möglichst wortgetreu in unsere heutige Sprache übertragen. Herrn Bernhard Reismann danke ich für Korrektur und Anregungen.
Graz, im Juni 2013

 

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