Der Schöckl

Hexenprozesse, in denen der Schöckl als Treffpunkt
von Hexen und Zauberern angegeben wird

Blick vom Schöckl in Richtung Semriach
Blick vom Schöckl in Richtung Semriach

Warum diese Seite

Die Überschrift stammt von Siegfried Kramer. Er hatte die Verfahren, in denen der Schöckl vorkommt, unter diesem Titel zusammengetragen — sie standen bisher auf der Prozessseite zu Peter Paar. Hier stehen sie als eigenes Thema, so wie St. Lambrecht 1653.

Der Schöckl ist der am häufigsten genannte Versammlungsort dieser Sammlung. Er liegt nordöstlich von Graz, 1445 Meter hoch, und ist von weit her sichtbar — das dürfte der Grund sein. Genannt wird er über einen Zeitraum von dreißig Jahren und aus Entfernungen bis zu sechzig Kilometern, von Menschen, die einander nie begegnet sind.

Was die Protokolle über ihn sagen, ist bemerkenswert einheitlich: Man kommt in der Luft dorthin, meist um Jakobi (25. Juli); es gibt ein Essen mit Fleisch, Brot und Wein; der Wein wird aus einem Baum gelassen; es wird getanzt, und zwar zu Musik; danach wird Hagel gemacht und beim Rückflug ausgestreut. Dieselben Bausteine, in derselben Reihenfolge — vergleiche dazu die Fragenliste von 1680, die genau nach diesen Punkten fragt.

Die Verfahren, in denen der Schöckl genannt wird

Fünf Verfahren des Landgerichts Rein, in Auszügen

Diese fünf Protokolle hat Siegfried Kramer nur auszugsweise übertragen; die ausgelassenen Stellen waren im Original mit Punktreihen markiert und stehen hier als . Die Originale liegen im Archiv des Stiftes Rein.

Landgericht Rein · ohne Datumsangabe Katharina Zenz, vulgo Ederin

Ihr Name sei Katharina Zenz, vulgo Ederin. Sie sei 25 Jahre alt und 10 Jahre verheiratet. Wohnhaft in Stübing. Sie habe 5 Kinder, 4 Buben und 1 Mädchen.

Sie gesteht und sagt aus: Vor 3 Jahren im Frühjahr an einem Donnerstag um die Mittagszeit, da sei der Böse Geist in Gestalt eines kleinen Kindes zu ihr in den Kuhstall gekommen. Es sei vollkommen schwarz gewesen und habe einen kleinen schwarzen Rock angehabt. Beim Reden habe es geschnofelt. Es habe von ihr die Seele verlangt und auch, dass sie die Heilige Dreifaltigkeit verleugnen solle.

Sie hätten am Schöckl an zwei Tischen gegessen und getrunken. Brot, Fleisch und Wein hätten sie gehabt. Der Huber habe dort einen Tannenbaum angebohrt, der Meister aber aus diesem Baum den Wein herausgelassen und aufgetragen, die Anderl sei Proviant-Verwalterin, die Muralterin, die Brunnbäurin und die alte Paar seien auf dem Schöckl Köchinnen gewesen und sie hätten sich gleich 2 Stunden dort aufgehalten. In der Folge seien sie auf den Wildonerberg geflogen. Nachdem sie dort gewesen seien, seien sie wieder zurück und bei der sauren Wiesen vom Amtmann Sebastian Ringshalbmer (der die Danksagung gemacht und gesagt habe, er wolle sie schon mehr begehren) abgesessen und heim gegangen.
In den letzten 3 Jahren seien sie jedes Jahr dreimal bei der Hexengesellschaft gewesen und mit geflogen. Sie wären auch jedes Jahr das erste Mal um Jakobi, das zweite Mal um St. Lorenzi und das dritte Mal um Bartholomä zusammengekommen und hätten 4 Schauer-Wetter gemacht. Sie hätten damit auf dem Grazer Feld und um Geistthal Schaden angerichtet. Sie habe dabei auch Bürgersleut gesehen aber niemand gekannt. Am Schöckl hätten sie immer gegessen und getrunken und seien guter Dinge gewesen.
Schließlich sagt sie aus und gesteht, dass sie der Böse Geist letzten Philipp- und Jakobstag abends aus dem Gefängnis heraus und nach Hörgas hinauf geführt habe. Dort habe er mit ihr bei dem Haus unter dem Birnbaum geschlafen. Seine „Natur“ sei ganz kalt gewesen.

Stifts- und Landgericht Rein · 16., 17. und 18. September A.D. 1688 Maria Nunner, vulgo Huberin

Am 16., 17. und 18. September des Jahres 1688 ist beim löblichen Stifts- und Landgericht Rein eine Frau, eine verbrecherische Person namens

Maria Nunner, vulgo Huberin

dem kaiserlichen Banngericht in der Steiermark im Anklage-Punkt Zauberei zum üblichen Verhör vorgeführt worden. Diese hat sowohl mit als auch ohne Folterung folgendes ausgesagt:

Ihr Name sei Maria Nunner, im allgemeinen werde sie Huberin genannt. Sie sei 37 Jahre alt, in Stübing wohnhaft und keiner Herrschaft untertan. Sie habe mit ihrem ersten Mann, dem hingerichteten Huber, 17 Jahre zusammen gelebt und 5 Kinder gezeugt, wovon 2 Mädchen am Leben geblieben sind.
Am nächsten St. Martins-Tag (11. November) werde es 2 Jahre, dass sie ihren jetzigen Mann geheiratet habe. Sie habe mit ihm inzwischen einen Buben gezeugt. Er sei noch am Leben.

Sie bekennt und sagt aus:
Vor 5 Jahren im Frühling am Nachmittag, als sie unweit von ihrem Haus ganz allein auf ihrem Ackergrund gearbeitet habe, wäre dort ein zartes Buberl zu ihr gekommen. Es habe beim Reden geschnofelt und von ihr die Seele begehrt und verlangt, die Heilige Dreifaltigkeit zu verleugnen. Er habe sie, wie gesagt in Gestalt eines Bettelbuben, mit dem Namen Spitzhütl, zuhause abgeholt und fort getragen. Das erste Mal wären sie auf dem Wildoner-Berg, danach zweimal auf dem Tüdensattel, zweimal auf dem Schöckl und heuer, wie das große Wetter gewesen ist, das letzte Mal auf dem Ram-Kogel zusammen gekommen. An diesen Orten hätten sie immer eine Mahlzeit gehabt. Am Tüdensattel hab eine Frau aus Graden, die sie nicht gekannt habe, gekocht. An den anderen Orte sei immer sie (die Huberin) die Köchin gewesen. Dabei habe sie neben den oben Genannten, die alle hingerichtet worden sind, auch den hingerichteten Schwaiger gesehen und gekannt. Es wären zwar noch andere, auch aus der Krain und aus Geistthal, dabei gewesen. Sie habe sie aber nicht gekannt. Sie, die Huberin, sei nur zweimal bei Schauer-Wettern gewesen, so heuer erst am Christi-Himmelfahrtstag. Und danach beim großen Wetter. Mit dem ersten Schauer-Wetter hätten sie im Stübinger Boden hinauf, mit dem großen Schauer aber hinter dem Pleschkogel Schaden angerichtet. Danach habe sie jedes Mal der Besen wieder hinabgetragen und bei ihrem Haus abgesetzt.

Blick vom Schöckl
Blick vom Schöckl in Richtung Graz

Schließlich sagt sie aus und gesteht, dass der Böse (der Teufel) in der Nacht, bevor sie gefoltert worden sei, zum Fenster des Gefängnisses gekommen und da hinein geschloffen sei. Er habe mit ihr geschlafen. Seine Natur sei aber kalt gewesen. Damals habe er gesagt, sie würde morgen sehr gequält werden. Sie solle nur leugnen. Er werde ihr schon helfen.

Stifts- und Landgerichts-Hoheit Rein · 2., 3. und 4. September A.D. 1688 Walburga Koch, vulgo Schmelzer

Am 2., 3. und 4. September des Jahres 1688 ist bei der löblichen Stifts- und Landgerichts-Hoheit Rein dem Kaiserlichen Banngericht der Steiermark eine verbrecherische weibliche Person namens

Walburga Koch

im allgemeinen Schmelzer genannt, im Punkt Zauberei zum üblichen Verhör vorgestellt worden. Sie hat … ohne Folteranwendung folgendes ausgesagt und gestanden:

Ihr Name sei Walburga Koch, im allgemeinen Schmelzer genannt. Sie sei 40 Jahre alt und seit 20 Jahren verheiratet. Sie sei in Geistthal, unweit von St. Pankrazen bei den Mathen wohnhaft. Sie sei keiner Herrschaft untertan. Sie habe einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter habe im vorigen Herbst auch schon geheiratet.

Heuer bei dem großen Wetter wäre sie (die Walburga) das 3. und letzte Mal bei der Hexengesellschaft gewesen und es habe sie dann alle der Böse nach dem Mittagessen zu Haus in der Laben, wo sie damals allein gewesen sei, abgeholt, auf die Axel gesetzt und zur Hebalm hingetragen. Dort seien 14 Personen zusammen gekommen. Dabei sei ihr niemand außer der Hainzl, die Hollerer, die Huber, der Puesy und der junge Hollerer, die noch am Leben seien, bekannt gewesen. Die anderen wären Fremde gewesen, die der Puesy mit sich hingebracht habe. Sie hätten dort vor ihm Schauer zusammen gewutzelt. Mit dem Schauer seien sie in Raben-Gestalt über den Pleschkogel auf den Schöckl geflogen. Unterwegs hätten sie den Schauer ausgesät. Auf dem Schöckl sei die Huber Köchin gewesen. Sie (die Walburga) habe abgewaschen. Sie hätten dort auf einer Bank auch Brot und Fleisch gegessen. Und Wein getrunken. Den Wein haben sie jedes Mal aus einem Fichtenbaum herausgelassen. Wenn sie sich richtig erinnert, seien sie keine Stunde beisammen gewesen, sondern schnell zurück nach Hause geflogen.
Sie selbst sei in ihrem Wald abgesessen und in der Dunkelheit heimgekommen.
Abschließend sagt sie aus und bekennt, dass der Böse in Gestalt eines schwarzen kalten Mannes auch einst zu ihr in das Bett gekommen sei. Er habe mit ihr geschlafen. Seine Natur sei klein und kalt gewesen.

Stifts- und Landgerichtshoheit Rein · 28. Mai, 30. Juli, 1. bis 3. August A.D. 1686 Sebastian Anderhub, vulgo Mathl

Den 28. Mai, wie auch den 30. Juli und den 1., 2. und 3. August 1686 ist bei der löblichen Stifts- und Landgerichtshoheit Rein ein Mann, eine verbrecherische Person namens

Sebastian Anderhub

im Anklage-Punkt Zauberei dem kaiserlichen Banngericht der Steiermark zum vorgesehenen Verhör vorgestellt worden, der … folgendes gestanden hat:

Sein Name sei Sebastian Anderhub, vulgo Mathl. Er sei 58 Jahre alt, sei Untertan des Stiftes Rein, habe 6 Kinder als Erben, 4 Buben und 2 Mädchen. Ein Sohn und eine Tochter wären schon verheiratet. Der älteste Sohn lebe in Geistthal. Er sei ein Untertan vom Stift Rein und 36 Jahre alt.

Blick vom Schöckl
Blick vom Schöckl

Seither sei er immer ein oder zweimal im Jahr, und voriges Jahr am Jakobitag abends das letzte Mal immer auf den Ramkogel gewesen, außer einmal, da sei er auf den Schöckl bei der Herrengesellschaft gewesen. Sie wären immer auf der Gleinalm zusammen gekommen. Dahin hätten sie sich an Kirchtagen und Feiertagen abgesprochen. Von dort seien sie zum oben genannten Ort geflogen, wo sie immer eine Mahlzeit gehabt hätten. Doch auf dem Schöckl hätten sie ein besseres Essen als auf dem Ram-Kogel gehabt. Manchmal hätten auch 3 Spielleut, das seien aber nur Böse Geister gewesen, gegeigt und gefiedelt. Sie wären bisweilen eine, zwei oder eine halbe Stunde beieinander gewesen. Auf der Gleinalm habe die Brunnbäurin zweimal das Allerheiligste hingebracht. Dort habe sie es durch die Faust in den Wind und damit den Schauer zusammen geblasen. Durch den Schauer habe sie bei St. Pankrazen, in Geistthal und in Krienz Schaden angerichtet. Der Regen sei immer gegen die Kainach hinauf auf die Hügel. Und als sie vom Schöckl geflogen, sei er zuhause auf einem unbebauten Feld abgesessen. Außer mit den oben genannten Personen habe er mit unterschiedlichen Leuten gesprochen und er kenne auch den Hollerer und den Pieter, die schon hingerichtet worden sind.

Stifts- und Landgerichts-Hoheit Rein · 28. und 29. Mai A.D. 1686 Simon Moyses, vulgo Hueber

Am 28. und 29. Mai des Jahres 1686 ist bei der löblichen Stifts- und Landgerichts-Hoheit Rein eine verbrecherische Person namens

Simon Moyses

im Punkt Zauberei dem Kaiserlichen Banngericht der Steiermark zum vorgesehenen Verhör vorgeführt worden. Dieser hat … mit und ohne Anwendung der Folter folgendes ausgesagt:

Sein Name sei Simon Moyses, vulgo Hueber und er sei 60 Jahre alt. Er wohne in Stübing und sei Untertan von Rein. Mit 24 Jahren habe er das erste Mal geheiratet. Mit 30 Jahren seine zweite Frau. Er habe 4 Kinder, alles Mädchen. Die Älteste sei 22 Jahr alt.

Er bekennt und gesteht: Um Michaeli vor 4 Jahren, als er abends ganz allein auf seinem Acker Mist ausgestreut habe, sei der Böse Geist in einem grünen Röckerl und in Gestalt eines 4-jährigen Buben zu ihm gekommen. Er habe beim Reden geschnofelt und gesagt, wenn er ihm dienen wolle, und seine Seele versprechen und auch die Heilige Dreifaltigkeit verleugnen würde, dann wolle er ihm umgekehrt treu dienen, dass er noch mehr Sachen haben würde.

Stift Rein
Stift Rein bei Graz

In gleicher Weise sei er auch viermal bei der Hexengesellschaft auf dem Schöckl gewesen. Dort hätten sie jedes mal groß gegessen, getrunken und getanzt. Sie hätten 3 Spielleut (Pfeiffer) gehabt, die er nicht kenne. Er habe den Wein aus einem Birnbaum herausgelassen und diesen in einem braunen Krug aufgetragen. In der Folge hätten sie einen Nebelschauer geführt und damit bei Peggau hinauf Schaden angerichtet. Sie seien meistens zwischen 6 und 8 Uhr morgens ausgefahren und nachmittags um 4 Uhr wieder heim gekommen. Er selbst sei jedes Mal auf seinem Acker abgesessen.
Das letzte Mal, also voriges Jahr am St. Jakobstag, seien sie auf dem Tuden-Kogel zusammen gekommen. Von dort seien sie auf den Ram-Kogl geflogen, hätten Schauer gemacht und damit im Geisttal Schaden angerichtet. Dann hätten sie auf der Grabenwarter Steinwand eine Mahlzeit gehabt. Von dort sei er später zu Fuß heim gegangen. Er habe dabei niemand als die oben Genannten erkannt.

Der Berg war bekannt — auch außerhalb der Gerichtsakten

Dass der Schöckl im Volksmund als Sammelplatz der Hexen galt, ist nicht nur aus den Prozessen zu erschließen. Die Vorstellung hat sich über die Verfolgungszeit hinaus gehalten. Eine Sammlung Grazer Sagen gibt eine Handschrift von 1866 wieder, in der es rund um St. Radegund am Fuß des Schöckls heißt: Man hänge Sicheln an langen Stangen neben Haus und Hof auf, damit sich die Hexen daran fangen; und auf der Rückseite des Berges lade bei Unwetter ein Schütze sein Gewehr mit einem Nagel, um die Wetterhexe zu treffen, damit sie aus der Wolke falle — das Hexen-Herabschießen.

Genau dieses Schießen steht schon in den Akten. Und zwar am frühesten Ende dieser Sammlung: Hans aus der Metnitz sagt 1604 über ein von ihm gemachtes Unwetter, es habe sein Ziel nicht verfehlen können, „weil man nicht geschossen hat“. Neunzig Jahre später steht dieselbe Abwehr in Freyenthurn 1694: Beim Schloss habe der Hagel keinen Schaden anrichten können, „weil man fest mit geweihtem Pulver dagegen geschossen habe“.

Zwischen der ersten und der letzten dieser Stellen liegen rund zweihundertsechzig Jahre — 1604 im Verhörprotokoll, 1866 in der Sagenaufzeichnung. Die Prozesse sind darin nicht der Anfang und nicht das Ende, sondern die Zeit, in der aus einer Erzählung ein Verfahren wurde.

Quelle der Sage: Eustachius Kurz, Handschrift 1866, abgedruckt in: Annemarie Reiter (Hg.), Grazer Sagen und Geschichten, Graz 1996, S. 163. Online bei sagen.at. Bis heute heißt die Sommerrodelbahn am Berg „Hexenexpress“.

Was daraus zu lesen ist

Sieben Verfahren aus vier Landgerichten nennen denselben Berg. Die weiteste Entfernung beträgt rund sechzig Kilometer, die größte zeitliche Spanne dreißig Jahre. Keiner der Beschuldigten kann alle anderen gekannt haben.

Das spricht nicht für ein Treffen, sondern für eine Erzählung. Der Schöckl war der auffälligste Berg der Gegend — von Graz aus unübersehbar. Wer unter der Folter nach einem Versammlungsort gefragt wurde, nannte den Berg, den alle kannten. Zwei der hier Genannten haben ihre Aussage später ausdrücklich widerrufen: Hans Glaser („Er sei sein Lebtag nie am Schöckl gewesen“) und Marx Rueprecht.

Quellen

Hinweis: Die Protokolle wurden von Siegfried Kramer in unsere heutige Sprache übertragen, Graz 2017. Bernhard Reismann sei für die Korrektur herzlich gedankt, Norbert Müller für seine fachliche Unterstützung.

→ Alle Prozesse im Überblick